Wir klatschen jetzt auf Französisch

(cai) Was, der hat eine Ausstellung vom Jacques Comité besucht, als die schon längst zu Ende war? Ich komm ja auch oft zu spät, aber mich hätte man in die Hamburger Kunsthalle nimmer reingelassen. Okay, meine Unpünktlichkeit ist künstlerisch nicht so wertvoll wie dem Michael Riedel seine.

Er hat dann die Geräusche von den Abbauarbeiten aufgenommen, sie von einem Spracherkennungsprogramm transkribieren lassen, aus dem Text hat er eine coole, reduzierte Ästhetik entwickelt und damit wiederum eine Art Bühne überzogen (im Palais de Tokyo), wo er obendrein noch das ausrangierte Ausstellungsmobiliar mit eingebaut hat. (Kompliziert.) Wer, bitte, ist der Jacques Comité? Ach so: Giacometti! Und "Dual air" ist der Dürer. Einmal verselbständigt sich das kleine o rhythmisch zu einem Muster, ein andermal das kleine l. Dazwischen schwirrt das Kleingedruckte herum. In der Galerie Senn blickt Riedel nun auf diese "Aftershows" zurück sowie auf seinen Museumsshop (T-Shirts und Taschen im O- und L-Design). Wenn er Poster, Postkarten und Kataloge dekorativ arrangiert, kann das natürlich nicht mithalten mit einer durchgestylten Pop-up-Architektur. Die Restlverwertung zieht er freilich konsequent durch. Und demonstrativ. Aus der Vitrine (von der Dürer-Schau im Städelmuseum) hat er die alte Beschilderung nicht entfernt.

Spannend wird’s beim Lauschangriff. Wir werden nämlich abgehört. Und können gleich mitlesen. Meine Stimme ist vom Programm aber ignoriert worden. Versteht es kein Deutsch? Dafür klatsche ich offenbar auf Französisch in reformierter Rechtschreibung. ("Nnonceuse traditionnelle": traditioneller Unsinn?) He, vielleicht haben sich die Arbeiter beim Abbau der Dürer-Ausstellung eh nicht über Marihuana unterhalten.

Das Leben ist kein Kaffeekränzchen

(cai) Sondern? Ist das Leben ein Saufgelage? Oder warum kugeln überall die Alkflaschen herum? Ganz schön morbid jedenfalls, die Ausstellung in der Galerie Winter. (Und nix für Pilzsporenallergiker.)

Die ziemlich fragilen Exponate von James Lewis zerfallen langsam zu Staub (zumindest die aus ungebranntem Ton), seine Malerei hat Krebs im Endstadium (oder derpacken die Bilder noch mehr Tumore, bevor sie von der Wand fallen würden?) und der weiße Teppich, der wird auch nie wieder, nämlich sauber. Es gibt ja nicht einmal einen Fußabstreifer vor der Tür. Einem quasi lebenden Stillleben schaut man beim Sterben zu. Und kann dabei über die Hinfälligkeit alles Irdischen meditieren. Aus Ton geknetete Häferln stapeln sich da chaotisch. Eine Hellseherin würde aus dem reichlich drübergekippten Kaffeesud jetzt einfach die Zukunft herauslesen, der Künstler nimmt die Zukunft lieber selbst in die Hand. Verkürzt die Haltbarkeit des ohnehin zerbröselnden Werks. Lässt parasitäre Schwammerln herausschießen. Aha, ein Stillleben mit geplanter Obsoleszenz.

"Before the hyle" lautet der Titel der Schau. Hyle: Griechisch für Materie. Für den noch unbestimmten Urstoff. Müsste es dann nicht eigentlich heißen "Before the form"? Die Objekte sind tatsächlich nicht in Bestform, nicht "perfekt". Das Material ist der Star. Und das stiehlt der Form die Show, wenn der Brite damit experimentiert. Seine Kunstharzgüsse erinnern ein bissl an den Bernstein mit der Mücke. Nur dass die Harzflaschen amorphe Einschlüsse aus Plastilin haben. (Und aus dem kann ja alles werden.) Die verschwommene Erinnerung an den letzten Rausch? Gemälde mit diffusen Botschaften betoniert er ein. Dekoriert sie mit hässlichen Geschwüren. Der Titel dieser Serie ist dafür hinreißend poetisch: "Between a large stone and a thousand pebbles." Was? Das ist ein Zitat? Ach, Abschreiben ist doch auch irgendwie eine Form von realistischer Kunst, oder?