Todesstern über Syrien? Ayham Jabr braucht keine Erklärungen aus den Nachrichten. - © Ayham Jabr
Todesstern über Syrien? Ayham Jabr braucht keine Erklärungen aus den Nachrichten. - © Ayham Jabr

Auf seinen Collagen wandeln grüne Aliens durch die Damaszener Altstadt, schweben riesige Raumschiffe über syrischen Städten. Ayham Jabr verbindet Szenen des syrischen Alltags mit Illustrationen aus Science-Fiction-Romanen. Im Interview mit der "Wiener Zeitung" spricht der 28-jährige syrische Künstler über Kreativität unter Mörserbeschuss, gescheiterte Liebesgeschichten und darüber, was Tim Burtons Film "Mars Attacks" über den Krieg in Syrien lehrt.

"Wiener Zeitung": Sie leben im Osten von Damaskus, nur zwei Kilometer entfernt kämpft die syrische Armee gegen islamistische Milizen. Geht es Ihnen gut, sind Sie in Sicherheit?

Ayham Jabr: Ja, alles ist bestens. In meinem Viertel sind wir an den Beschuss und die Granaten gewöhnt. Ich lebe ja gleich neben Jobar (einem schwer umkämpften und nahezu vollständig zerstörten Vorort von Damaskus, Anm. der Red.). Der Tod war die ganze Zeit um uns herum. Aber seit dem Waffenstillstand haben sie aufgehört, die ganze Scheiße auf uns abzulassen.

Wie ist Ihr Alltag so nah an der Front?

Mein Leben ist nicht besonders aufregend. Ich gehe nicht mehr so viel aus. Die meiste Zeit sitze ich zu Hause, im Studio oder ich laufe durch die Straßen. Ich habe ein kleines Zimmer, das ich zu einem Fotostudio umgebaut habe. Ich verbringe viel Zeit mit Fotografie und meinen Collagen, schaue Filme oder höre gute Musik. Und ich liebe es, Zeit in der Altstadt zu verbringen.

Szenen aus der Altstadt von Damaskus finden sich auch in vielen Ihrer Collagen wieder. Erzählen Sie mir mehr über die Inspirationen, die Ihnen Damaskus zurzeit verschafft.

Der Krieg lehrt, das Leben jeden Tag stärker wertzuschätzen. Als ich ein Kind war, haben mir meine Eltern gesagt, ich solle jeden Tag würdigen, dass ich lebe. Was sie meinten, habe ich erst verstanden, als der Krieg begann. Das Leben wertschätzen bedeutet, sich selbst wertschätzen. Das Leben wertschätzen bedeutet, aus nichts etwas zu schaffen. Ich bin ständig pleite. Allein das ist so inspirierend. Damaskus ist ein Ort, an dem du nichts hast außer dir selbst.

... und grüne Aliens und Raumschiffe. Wie entstehen Ihre Bilder? Laufen Sie durch die Gassen und denken: "Dazu würde gut der Todesstern aus ,Star Wars‘ passen"?

Gute Frage. Ich bin nicht so gut darin, mich mit Worten auszudrücken. Deshalb tue ich es mit Fotos, Grafiken und Collagen. Ich denke, diese Werkzeuge sind unmissverständlicher und lebhafter als Worte. Alles hier ist inspirierend: Mein größter Einfluss sind beschissene Dinge wie meine gescheiterte Liebesgeschichte, der Tod von Freunden und der generelle Mangel an Sicherheit. Aber nicht nur Dinge, die in Syrien passieren, inspirieren mich: Das Fernsehen erlaubt dir, in die ganze Welt zu reisen, während du im Wohnzimmer sitzt. Auch Filme haben einen großen Einfluss auf mich. Die vom großartigen Tim Burton zum Beispiel. Und die bunten Zeitschriften, die wir als Kinder immer lasen.

Also sind es ebenso "Mars Attacks" wie die Mörserangriffe auf Damaskus, die sich in Ihren Bildern widerspiegeln?

Die Gemeinsamkeit zwischen beiden ist: Angriff. Jeder attackiert jeden. Es geht um Habgier und die Illusion von Macht und das Streben nach ewiger Anerkennung seit Anbeginn der Zeit.

Das klingt, als sei für Sie das Gut-Böse-Narrativ aus Science-Fiction-Romanen näher an der syrischen Wahrheit als die komplizierten Erklärungen aus den Nachrichten.

Da haben Sie recht.

Früher haben Sie selber Filme gemacht. Vermissen Sie das?

Ja, die meiste Zeit edierte ich TV-Serien oder Video-Installationen für Musik-Events. Es gab eine riesige Anzahl an Fernseh-Sendern. Die ganze arabische Welt liebte syrische Drama-Serien. Jetzt gibt es natürlich nicht mehr so viele Produktionsfirmen. Und der Kinomarkt in Syrien ist quasi nicht mehr existent. Ich würde gern eine syrische Serie drehen. Ich habe schon viele Ideen für Drehbücher aufgeschrieben.

Worum geht es?

Um den Tod der syrischen Film- und Radioindustrie, syrische Künstler, syrische Frauen, um Flüchtlinge; um die Folgen des Krieges für Zivilisten. Um den Terror. Das Mädchen, das ich liebte, lebt jetzt übrigens als Flüchtling in Deutschland.

Warum sind Sie nicht mit ihr gegangen?

Es gehörte nie zu meinen Plänen, ein Flüchtling zu sein. Es gibt natürlich Menschen, die alles verloren haben - für die ist es vielleicht wirklich besser, zu gehen und nach neuen Möglichkeiten zu suchen. Ich aber versuche wertzuschätzen, was uns geblieben ist. Selbst, wenn es nichts ist. Damaskus ist so inspirierend, selbst unter all dem Wahnsinn. Ich glaube, wenn du das, was du tun willst, nicht in deinem eigenen Land schaffst, wirst du es auch nirgendwo anders schaffen.

Sehen das viele Menschen um Sie herum so?

Das weiß ich nicht. Das Lächeln im Gesicht eines jeden versteckt sich hinter einer traurigen Geschichte, die jeder von uns mit sich herumträgt. Jeder hat Verwandte verloren. Das ist das Abscheuliche an dem Krieg: Er bedeckt alle von uns mit Zerstörung und Trauer. Der Terror, den der Westen uns geschickt hat, ist schlimmer als die Hölle selbst. Und ich denke, jedermann in der Welt kann das fühlen.