Max Ernst inszeniert ein "Festmahl der Götter", das weit außerhalb von Europa stattfindet. - © Bildrecht, Wien/Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig
Max Ernst inszeniert ein "Festmahl der Götter", das weit außerhalb von Europa stattfindet. - © Bildrecht, Wien/Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig

1984 entdeckte Kunstsammler Rudolf Leopold in München den Einfluss des "Primitivismus" auf die klassische Moderne in einer Ausstellung. Es war das Jahr der bekannten Schau William Rubins im MoMa in New York, "Primitivism in Modern Art", die heute als noch zu stark einem kolonialistischen, reinen formästhetischen Konzept verbunden gilt. An die 200 Werke der "Stammeskunst" von Afrika bis Polynesien besaß Leopold. Sie entsprachen seiner Vorliebe für den Vergleich mit dem Expressionismus in Deutschland und Österreich. Sie sind zum Teil in die Museums-Stiftung eingegangen oder befinden sich noch im Besitz der Familie. Ein anderer Teil ist bei einer Auktion im Dorotheum zu hohen Preisen weiterverkauft worden.

Als Experte hat Erwin Melchardt alle Stücke bearbeitet und nun gemeinsam mit Ivan Ristić in der Schau "Fremde Götter. Faszination Afrika und Ozeanien" in einen neuen, kritischen Diskurs mit Moderne und Gegenwartskunst gestellt.

Im Dialog mit der Moderne

Um Ethnologie und Kunst in der Gegenwart zu verankern, ist eine Gruppe von verspiegelten Maskenobjekten Kader Attias, des bekannten französisch-algerischen Künstlers mit dekolonialer Sicht, in den großen Eingangssaal platziert. Dahinter sind Speere, Trommeln, Masken und Figuren zu finden, die für den Rundgang klarstellen, wo Afrika und wo Ozeanien zu finden ist. Sehr klar wird hier auch weiter erklärt; es ist nur jeder zweite Raum mit Dialogen zur Moderne bespielt, dazwischen stehen, mit farbigen Wänden akzentuiert, die einzelnen Kunstlandschaften Afrikas und Ozeaniens mit ihren Werken für sich. Ein wissenschaftliches Expertenkonzept, das dazu, auch im Katalog sichtbar, Melchardts Aufnahme des Gesamtbestands an "Stammeskunst" dokumentiert, die durch die Hände des Sammlers ging.

Schon die Surrealisten standen dem eurozentristischen Bild auf den "Primitivismus" (hier im Sinn von Maurice Merlau-Ponty als ursprüngliches Begreifen von Welt und nicht pejorativ zu verstehen) sehr skeptisch gegenüber. Die Kultobjekte zu Gemälden und Skulpturen stachelten sie an im Sinne einer Erneuerung der modernen Kunst in Sachen Unbewusstes, Kunst von Kindern und einem Blick auf eine prähistorische Zukunft. In Max Ernsts "Festmahl der Götter" von 1948 ist das sichtbar.

Alles begann davor aber mit Paul Gauguins Abschied von der westlichen Fesselung bürgerlicher Sittenstrenge und zerstörerischer Industriegesellschaft, der als Utopie zwar scheiterte, aber Vorbild war für die Inspirationsreisen deutscher Künstler, etwa jene von Emil Nolde. Ab 1905 kam Pablo Picassos Faszination für afrikanische Sammelobjekte auf, die er mit seinem Galeristen Daniel-Henry Kahnweiler teilte; weniger bekannt ist, dass Constantin Brancusi eigene Werke vernichtete, die ihm zu "afrikanisch" erschienen. Seine "La Négresse blonde" geht in ihrer gespiegelten Bronzeoberfläche bereits auf Konfrontation zur anhaltenden Afrikamode in Frankreich.

Picassos legendäre Umwertung der Masken in kubistische Formensprache vor 1907 und die Sicht der Künstler in Paris, auch von Amadeo Modigliani, nennt Ristić "intellektuellen Primitivismus", während die deutschen Expressionisten für ihn einer romantischen Variante nachhingen. Manche Möbel und Masken von Ernst Ludwig Kirchner oder Karl Schmidt-Rottluff stehen den Originalen zum Verwechseln nahe.

Interessenskonflikte

Nolde malte Zwillingsfiguren der Yoruba in Nigeria, die als greifbare Seelen nach dem Tod hergestellt werden. Max Pechsteins "Stillleben mit Negerstatuen" von 1918 vereint Afrika mit Polynesien und entspricht so dem Konzept der Schau. Unterbrochen werden die beiden Welten von Videos Kader Attias, die Wissenschaft und magische Praktiken in Interviews zu Wort kommen lassen. Dabei zeigen sich bleibende Interessenskonflikte, die uns erinnern, dass sich vor Ort kaum noch Artefakte befinden. Eine Schenkung der Nachfahren eines k.u.k. Marineoffiziers an das Leopold Museum stellt geheimnisvolle Jenseitsboote neben Kultkeulen und Schilde zum Ausklang einer sehr überlegten Präsentation.