Die Ausstellung "Seine Freiheit, unsere Freiheit - Vávlav Havel und das Burgtheater" im Theatermuseum erinnert an das Engagement für einen Wegbereiter im "Prager Frühling". Seit 1963 wurde in Ost und West sein "Gartenfest" gespielt, in Wien zuerst im Volkstheater. Als Erstunterzeichner des Staatsreformaufrufs "Charta 77" kam Havel ins Gefängnis. Nach der "Samtenen Revolution" 1989 wählten ihn Tschechen und Slowaken als Staatsoberhaupt. Für den 2011 Verstorbenen wurde in Prag die Václav-Havel-Library eingerichtet, geleitet vom Weggefährten Michael Zantovský. Der veröffentlichte 2014 die maßgebliche Biografie "In der Wahrheit leben".

Als Moralist, Politdenker, Architekt des demokratischen Wiederaufbaus, als Pater Patriae Tschechiens und der Slowakei, ist Vacláv Havel unvergessbar. Sein "In der Wahrheit leben" sagt ihm bald jeder Sonntagredner nach. Doch was ist an dem Dramatiker dran, der Havel schließlich auch war?

Der Berliner Theaterhistoriker Joachim Fiebach verschweigt ihn in seiner Weltgeschichte des Theaters - aber in ihr kommen auch Arrabal, Mrozek und Pinter nicht vor. Können Szenenfotos, Manuskripte, Behördendokumenten, Bühnenmodelle die heutigen Spielplanmacher von der Qualität des Dramatikers Havel überzeugen?

Lenz, Böll, Grass, Dürrenmatt unterschrieben 1976 Bittgesuche - und Rudolf Melichar als Ensemblevertreter, das bekommt man in der Ausstellung dokumentiert. Und dass nur klitzekleine Buchstaben Platz hatten auf den Kassibern an Frau Olga. Leicht zu übersehen, doch Monument in der Geschichte der Künstlersolidarität ist der mit einer Wachsmatrize vervielfältigte Aufruf von Amnesty International für Havel und die Charta 77 bei einer Sonderaufführung im Akademietheater. Kreisky, Taus, Benya, Androsch, Sinowatz, Busek, Koren unterstützten das Ensemble.

Sieben Uraufführungen

Achim Benning brachte in seinen zehn Jahren Direktion sieben Havel-Uraufführungen heraus. Viele Ensemblemitglieder, voran Joachim Bissmeier, verliebten sich in die hintersinnig-ironischen Parabeln. Existenz- und Gesellschaftskritik trieb Havel in scheinbarem Unernst ins Absurde. Sein dialogbetontes kopflastiges Theater war mit Doppelbotschaften Richtung Welt und Heimat unterfüttert. Doch was daheim verboten war, war in der Fremde nur ein Minderheitenprogramm! Benning-Nachfolger Claus Peymann kalkulierte richtig: Mit Havel kann man nie deutscher Meister werden. Oder musste Peymann dem Minister Zilk, der ihn engagierte, vorab zugestehen, das tschechische Exiltheater in der Burg - dabei auch Pavel Kohout, Pavel Landovsky - zu liquidieren? Heute weiß man mehr über die Rolle, die Helmut Zilk für Prag gespielt hat. Eine Frage an Peymann ist noch offen.

Die Reise zur Premiere der Einakter "Audienz" und "Vernissage" am 9. Oktober 1976 verweigern die tschechischen Behörden dem Autor. Unterrichtsminister Fred Sinowatz interveniert in Prag vergebens für den Gewinner des Staatspreises für europäische Literatur 1968. Im Einakter "Audienz" hilft ein zu Strafarbeit kommandierter Intellektueller seinem buchstabenschwachen Bewacher beim Abfassen der Spitzelprotokolle. Bissmeier als "Vanek" in skrupulantem Doppelspiel. In "Vernissage" nerven Bobos unseren Intellektuellen. In "Protest" ist der Kopfmensch unter seinesgleichen gefallen: eine Resolution unterschreiben oder nicht? Wenn Havel sich beim Premierenapplaus verbeugen sollte, fuhr statt des erzwungenermaßen Abwesenden ein Schild mit seinem Namen aus dem Schnürboden. Verlässlich tobender Applaus!

1999 wurde Havels "Muttertheater" im Theatermuseum gewürdigt. Auch damals sprachen Fürst Schwarzenberg und Benning zu Eröffnung. Nun wieder verlorene Liebesmüh’? Er hoffe, sagte Benning, "dass Havel nicht wieder auf die Bühne gerufen wird vor verschlossenem Vorhang".

Die Botschaft und das Tschechische Zentrum stellten ein Film- und Videoprogramm zusammen. Für 19. Oktober lädt die Burg ins Kasino zu einer Soiree zum 80. Geburtstag.