In der Wohnung, in der Sigmund Freud 47 Jahre lang lebte und als Psychoanalytiker wirkte, arbeitete seine Tochter Anna als Pädagogin und Seelenärztin für Kinder. Ihr gassenseitiges Behandlungszimmer ist Teil der heutigen Ausstellungsräume des Freud Museums. Einige der mobilen Besitztümer, die 1938 mit nach London in die Emigration übersiedelten, kehrten für die Ausstellung "Setting Memory" wieder zurück, zum Teil jedoch nur noch als Geister, die in Kunstwerke von Bettina von Zwehl und Paul Coldwell eingewandert sind. Im Sinne Freuds, aber auch Marcel Duchamps, sind es Alltagsgegenstände, die jedoch eine Wandlung zum Fetisch vollzogen haben.

Die besonderen Geister der Moderne, aber auch nach wie vor der Gegenwartskunst, werden mit Hilfe der Fotografie und dem Abdruck oder Abguss eines Objekts beschworen. Diese Materialien mit einem Negativ sind besondere Sprachmittel für verlorene Inhalte und schmerzliche Erinnerung. Aber auch Gerhard Richter nannte gemalte Porträts nach Fotos vertriebener Verwandter Geister.

Der tiefe Blick

Dass uns Greifbares fehlt in den Räumen von Berggasse 19, zeigt sich nicht nur an der in London stehenden Patienten-Couch oder dem Schreibtisch voller kleiner Götterfigurinen, auch das Behandlungsmöbel Anna Freuds ist im Londoner Museum. Bettina von Zwehl, in London lebende Münchner Fotografin, hat sich vor Ort intensiv mit den Objekten beschäftigt, die von der im "Roten Wien" der 1920er Jahre geprägten Kinderpsychologin benützt wurden. Sie zog die Strickdecke von ihrer Couch mit Rissen im roten Stoff und inszenierte sie vor der Kamera im Profil genau auf die Art, auf die das teppichbelegte Pendant des Vaters immer präsentiert wird. Als Leihgabe kam Anna Freuds Laterna Magica als echter Stellvertreter - geschützt freilich im Futteral.

Dazu passt die Fotoserie "Sessions" der Künstlerin mit 50 gerissenen Varianten eines Kinderporträts, für viele "archäologische" Seelenschürf-Methoden in genauso vielen Minuten einer Therapiesitzung. Ein Künstlerbuch, das für das Londoner Freud Museum entstand, korrespondiert mit einem von Coldwell über die Prozedur eines Röntgens, das Freuds Mantel, den er auf der Flucht aus Wien trug, im Gerät der Londoner National Gallery verfolgt. In der Tasche sichtbar wurden ein Flugticket und der Regenhut Anna Freuds, was ihr Auftragen des Kleidungsstücks zur Gartenarbeit nach dem Tod des Vaters verrät.

Zu Bettina von Zwehls Fotoserie "Sospiri" (Seufzer), das Mädchen in einem Dirndlkleid einer verstorbenen Freundin zeigt, passen Coldwells künstlerische Nachbauten von Transportkisten: Zum einen für den Mantel, zum anderen für "Personal Objects", bei denen sich zu Hemd, Wecker und Rasierzeug, nachgegossen aus Gips und Kunststoff, auch eine kleine Götterstatuette und eine Blume gruppieren.

Die Kombination der Arbeiten gelingt vorzüglich, Coldwell sah sie im Aufbau als zusätzliche Inspiration. So arrangierte er seinen leeren Transportkoffer für "meine kleinen, dreckigen Götter" (Sigmund Freud über seine Sammlung) neben Zwehls Foto der Couch Anna Freuds in deren dunkelrot ausgemalten Behandlungszimmer. Gegenüber die im 3D-Druck-Verfahren nachgeahmte Aufstellung, wie der Vater der Psychoanalyse sie in London am Schreibtisch hinterließ.

In einem Bord an der Seite finden sich im Hauptraum zwei Relikte von Coldwells Zusammenarbeit mit Schülerinnen aus Donaustadt zum Thema Exil: Bearbeitete Erinnerungsfotos ließen sie im Sigmund-Freud-Park mit Heliumballons steigen. Die Botschaft, aufgefundene Bildpostkarten zu retournieren, zeigte nur in zwei Fällen Wirkung. Einige ungewöhnliche kleine, aber intensive Erzählungskonzepte aus der künstlerischen Forschung um ein großes Thema von Verlust, Aufbruch, Trauer und Fragen der Wiederkehr.

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