Mit der Dunkelheit hält die Romantik Einzug: Kurt Straznickys "Nächtlicher Besuch" (2013). - © Kurt Straznicky
Mit der Dunkelheit hält die Romantik Einzug: Kurt Straznickys "Nächtlicher Besuch" (2013). - © Kurt Straznicky

Wien. "Wir werden versuchen, diese Location zu rocken", zeigte sich Peter Zawrel, Geschäftsführer des Wiener Künstlerhauses, im Sommer hoffnungsfroh. Und er bewies damit durchaus Ehrgeiz. So erfreulich es ist, dass das Künstlerhaus am Karlsplatz dank Mäzen Hans Peter Haselsteiner renoviert wird und die Gesellschaft bildender Künstlerinnen und Künstler bis 2018 ein Ausweichquartier zu günstigen Konditionen erhalten hat: Mitte Juli wirkte dieses ehemalige Bürohaus in Wien-Margareten noch nicht dazu angetan, moderne Kunst strahlen zu lassen. Der vierte Stock in dem Gebäudekomplex an der Stolberggasse 26 war in kleine Büroräume parzelliert, durchzogen vom nüchternen Blau eines 90er-Jahre-Spannteppichs.

"Nein, das ist Kunst!"


Drei Monate später ist die Umwidmung nun offiziell mit der Eröffnung der ersten Schau vollzogen. Und tatsächlich: Nach der Entfernung der Zwischenwände, des Teppichs und weiterer Versatzstücke der Arbeitswelt sieht der Saal wie eine lichtdurchflutete Ausstellungshalle aus. Dabei wirkt er umso großzügiger, als für die Kunstwerke keine neuen Wände aufgezogen wurden, sondern freihängende Flächen, die immer wieder Durchsicht ermöglichen.

Andererseits: So ganz ist der Umbau unter der unverputzten Decke noch nicht abgeschlossen, und darum bietet manches Objekte Anlass zur Verwirrung. Etwa ein Einkaufswagerl mit Eimer daneben: Kunst? Nein, sagt die Pressesprecherin, das sei ein praktisches Hilfsmittel bei einem Umzug. Eine ramponierte Kartonwand wiederum, durchaus vorstellbar als Kollateralschaden wuchtiger Arbeiten, ist dagegen ein Ausfluss kreativen Willens. Auf der Rückseite dieser Wand sowie auf zwei weiteren sieht man vereinsamte Pinguine als Projektionen watscheln. "Überleben" heißt diese Installation von Aiko Kazuko Kurosaki, Thomas J. Jelinek und Peter Koger. Naturkenner wissen: Um diesem Titel gerecht zu werden, müssen die Südpolbewohner eng aneinandergekuschelt stehen.

Es sind dies nicht die einzigen Tiere in dieser Eröffnungsschau. In Kunstharz gegossen, stellt ein hübsches Umkehrrelief von Kurt Straznicky "Nächtlichen Besuch" in Form von zwei Wölfen vor. Auf einem Ölgemälde von Gerald Holzer wiederum, wohl bewusst an den Stil von Hotelzimmer-"Kunst" angelehnt, glotzt ein gutmütiger Hirsch den Betrachter an.

Das Wild, der Wolf, auch der Pinguin: Sie alle wirken im nüchternen Setting dieses Großraums wie die Sendboten einer entrückten, einer romantischen Welt. Und um Romantik geht es hier auch: "Unsere technisierte Gesellschaft" brauche definitiv mehr davon, ist sich der Untertitel der Ausstellung sicher.

Was aber verwirrt, ist der Titel, denn der lautet "romANTIsch?" Zwar lassen sich das Fragezeichen und das "ANTI" durch den Kontrast zwischen den Kunstwerken und ihrer schnöden Umgebung rechtfertigen - ein Antagonismus, der am wirkungsvollsten in einer Installation Simon Goritschnigs zum Tragen kommt. Er hat ein Astgestrüpp scheinbar seziert und mit Seilen neu zusammengefügt; es hängt nun wie ein stiller Schrei in der Luft. Das "ANTI" soll in dieser Schau aber noch mehr bedeuten: Romantik, sagt Kuratorin Stella Bach, sei ein heilsamer Antipode zu dem Kommerzgetriebe unserer Zeit.

Ewig lockt der dunkle Wald


Diese Botschaft lässt sich zwar klar aus ihren eigenen, sozialkritischen Bildern ableiten (umhüllt von phantastischen Landschaften gaffen Menschen doch nur in ihre Smartphones). Das Gros der Arbeiten scheint hier aber mit Kapitalismuskritik eher wenig am Hut zu haben. Es schreibt romantische Themen aber oft ansehnlich fort: etwa in Form des dunklen Walds, der in einem teilrealistischen Ölbild von Matthias Lautner prangt. Oder in Form eines Gefühls der Entrücktheit, das Helmut Pokernig hervorruft: Ließ Caspar David Friedrich seinen einsamen Wanderer in ein Wolkenmeer blicken, gehen die Figuren dieser Fotoserien weiter - auch ins Düstere: Sie kommen der Welt durch Entfremdung oder einen Sturz abhanden.

Star der Schau ist freilich der Ausstellungsort selbst, der mitten im Siedlungsgebiet für kunstsinnige Entrückung sorgt - ist zu hoffen, dass er für Wiens Kunstfreunde kein Fremdkörper bleibt.