• vom 18.10.2016, 21:59 Uhr

Kunst


Ausstellung

Von Japan zur wilden Gotik




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Albertina zeigt in den Tietze Galleries ihre Bestände zum Farbholzschnitt in Wien um 1900.

Ludwig Heinrich Jungnickel: " Drei blaue Ara" aus dem Jahr 1909

Ludwig Heinrich Jungnickel: " Drei blaue Ara" aus dem Jahr 1909© Albertina, Wien Ludwig Heinrich Jungnickel: " Drei blaue Ara" aus dem Jahr 1909© Albertina, Wien

Zwar ist der Holzschnitt eine alte Technik, die schon Albrecht Dürer bediente, die aber im 19. Jahrhundert von der Kunst in die Zeitungsillustration wanderte und erst nach Ablöse durch die Fotografie wieder für die Kunst als Medium entdeckt wurde. Nachdem die Japaner mit ihrer besonderen Farb-Meisterschaft am Druckstock auch auf Europas Maler wirkten, setzte vor allem der Expressionismus auf diese Technik.

Doch vor Edvard Munch oder Ernst Ludwig Kirchner hatte die Wiener Secession dabei eine Schlüsselstellung inne, die von einem Spezialisten für Kunst um 1900 in ihrer Fülle wissenschaftlich in die Kunstgeschichte eingearbeitet wurde: Tobias Natter hat - neben einem großen Bildband im Taschen-Verlag - erst für die Schirn Kunsthalle Frankfurt und nun für die Albertina Ausstellungen konzipiert.


Zündung moderner,
abstrakter Formensprache

Interessant sind zwei Phänomene: die späte Entdeckung von im Kunsthandel Bekanntem, wie den Tierthemen Ludwig Heinrich Jungnickels oder Wienansichten von Carl Moll, und die Sammlungsgeschichte der Albertina, das Medium Holzschnitt betreffend. Nachdem Emil Orlik den japanischen Holzschnitt vor Ort studierte und viele Künstler - wie in Paris Vincent van Gogh, in Oslo Munch oder in Wien Gustav Klimt - die Flächenkunst als Zündung moderner, abstrakter Formensprache in Europa entdeckten, nahm sich vor allem die zweite Reihe der Vertreter der Wiener Secession dieser Technik an. Denn Klimt, Egon Schiele und auch Oskar Kokoschka haben kaum oder nicht im Holzschnitt gearbeitet. Im Hintergrund standen bis jetzt die Belange der angewandten Kunst, also Illustrationen, Ex Libris und Postkarten, und damit die Künstlerinnen der Secession, Kunstgewerbeschule und Wiener Werkstätte.

Doch die Albertina sammelte nur die damals als rein künstlerisch geltenden Exponate, also quadratische Bildformate mit Schneelandschaften von Moll oder Josef Stoitzner, Tierbildern Jungnickels aus dem Wiener Zoo sowie Figurendarstellungen von Koloman Moser, Max Kurzweil und Carl Moser, der auf Motivsuche Reisen in die Bretagne unternahm. Die angewandte Kunst ging ans heutige Mak. Besonders ist der den weiblichen Körper schon in teils emanzipierten Posen wahrnehmende Carl Anton Reichel neben (Kolo) Mosers Aufbruch in die ornamentale Geometrie. Technisch kommen neben der Zeichnung Jungnickels für das Kinderzimmer im Brüsseler Palais Stoclet die Scherenschnitte von Franz Zülow der Holzschnittästhetik nahe. Ihr passte sich auch die Spritztechnik an, die wiederum Jungnickel für seine Landschaften nahe einem Albin Egger-Lienz benützte.

Die noch wenig bekannten Wiener Künstlerinnen nahmen in der Frankfurter Schau einen eigenen Part der "Kunst für alle" ein, gaben dem ganzen Phänomen somit einen völlig anderen Akzent. In der Albertina bleiben sie auf die letzten zwei Ausgaben der Secesssions-Zeitschrift Ver Sacrum beschränkt, also auf die aufgeschlagenen Seiten mit Fischen von der äußerst innovativen Nora Exner oder ein Blatt mit ornamentalen Modefiguren von Mileva Roller. Elena Luksch, Fanny Zukucka oder Minka Podhajska sind mit ihren Grafiken von ehemaligen Direktoren unbeachtet geblieben, aber auch unter Beispielen männlicher Kollegen fehlen die in Frankfurt gezeigten Ernst Stöhr, Hugo Henneberg, Rudolf Kalvach oder Erwin Lang.

Verkleinerung und Verschiebung der Inhalte
Die Verkleinerung der Schau in die Tietze Galleries bewirkte also Verschiebungen der Inhalte, Direktor Klaus Albrecht Schröder will aber die wenig gendergerechte Sammlungspolitik durch Ankäufe von Holzschnitten Broncia Koller-Pinells in Zukunft ausgleichen. Bleibt für die Wichtigkeit dieses Wiener Phänomens zu hoffen, dass es bald wieder eine breite Beachtung findet, in der auch Natters Entdeckungen aus der Moser- und Czeschka-Schule wie Ditha Moser, Franz Karl Delavilla und Moritz Jung vorkommen. Denn "Kunst für alle" war exklusiv volkstümlich und nicht nur auf die männlichen Berühmtheiten am Sternenhimmel beschränkt.

Ausstellung

Der Farbholzschnitt

in Wien um 1900

Tobias Natter und Eva Michel (Kuratoren)

Albertina

bis 15. Jänner 2017




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-10-18 16:20:07



Bildende Kunst

Franka Lechner

Geboren 1944 in Wien; die frühe Kindheit verbrachte sie in Südamerika, die Schulzeit in Wien. 1962-64 Studium an der Akademie der Bildenden Künste bei... weiter




Bildende Kunst

Reinhard Vitus Gombots

Geboren 1961 in Bildein (Burgenland); 1989-1992 Aktzeichnen und Modellieren; 1993 Besuch der Sommerakademie Salzburg; 1995 -1997 Gestaltung der Roma-... weiter




Fotografie

Marylise Vigneau

Aufgewachsen in einer konventionellen Familie in Paris, entwickelte Marylise Vigneau schon früh den Wunsch, durch Schlüssellöcher zu schauen und auf... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Der Irrsinn der Macht
  2. Erbarmungslos schön
  3. Gleichsam nackt
  4. Spiellaune und Schwung
  5. Drei Säulen auf unsicherem Fundament
Meistkommentiert
  1. Helene Fischer muss zwei Wien-Termine streichen
  2. Spiel dich – verkühl dich nicht!
  3. Der Irrsinn der Macht
  4. Drei Säulen auf unsicherem Fundament


Bille August.

Am Donnerstag, 15. Februar 2018, ging die Eröffnung der 68. Berlinale über den roten Teppich. Zahlreiche Stars aus nah und fern waren mit dabei.

Wissensdurstig, neugierig, seelenvoll und nachdenklich sieht David Bowie auf den Aufnahmen aus. Hier in August Wallas Zimmer. Die 75. Golden Globes wurden zur Bühne der Frauen mit einer Kampfansage an Sexismus, Missbrauch und Benachteiligungn. "Ich möchte, dass heute alle Mädchen wissen, dass ein neues Zeitalter am Horizont anbricht", sagte die US-Entertainerin Oprah Winfrey in ihrer Dankesrede nach Empfang des Ehrenpreises für ihr Lebenswerk - und rührte viele im Saal zu Tränen. "Zu lang wurden Frauen nicht angehört oder ihnen wurde nicht geglaubt, wenn sie den Mut hatten, gegen die Macht von Männern aufzubegehren." Deren Tage seien nun gezählt. Jetzt müssten alle dafür kämpfen, dass es in Zukunft niemanden mehr gibt, der als Opfer "Me too" sagen muss, mahnte Winfrey. Zur ganzen Rede

Werbung



Werbung


Werbung