Zwar gibt es auch in Österreich expressive Barockplastik wie von Michael Zürn und seinem Umfeld, aber die eigentlichen wild expressiven Künstler um 1750 sind in Prag mit Matthias Braun und Ferdinand Brokoff beheimatet. Nun wird der schwer fassbare Johann Georg Pinsel im Westen Europas nach einer Ausstellung im Louvre im Wiener Winterpalais mit 21 Figuren gezeigt: Gerüchteweise stammte er von hier, erlernte wohl in Böhmen die Schnitzkunst und fand seinen Hauptmäzen mit Mikołaj Bazyli Potocki in Lemberg (Lviv, heute Ukraine, damals Polen). Einige seiner Skulpturen überlebten die Jahrhunderte durch umsichtige Kuratoren in Museen, viele Werke sind aber verloren, so jene an Gebäuden wie dem Rathaus von Butschatsch (Buczacz), wo er mit Architekten kooperierte und ab 1751 verheiratet war, zwei Kinder und eine Werkstatt in Archiven verzeichnet sind. Da seine Frau 1762 noch einmal heiratete, wird 1761/62 als Todesjahr vermutet. Sein auffällig bewegter Stil konnte sich in der Gegend um Lemberg durch Schüler noch drei Jahrzehnte halten, während in Wien längst der Klassizismus einzog.

Es zeigt sich deutlich, dass Pinsel, dessen Vorname erst vor wenigen Jahren in der Forschung auftauchte, mit dem zeitgleich hier tätigen Giovanni Giuliani nichts gemeinsam hat, aber eine interessante Übereinstimmung von spitz zulaufenden, ekstatischen Gesichtern mit dem Maler Franz Anton Maulbertsch besteht. Einige Gemälde aus dem Belvedere sind darum in Dialog gesetzt worden mit den Skulpturen. Gesichter voll fließenden Tränen, die Physiognomien nahezu auflösende Gefühlsregungen und "himmelnde" Blicke aus gesenkten Köpfen ergänzen extreme Windungen der Körper und wild zerknitterte Kleider. Spätbarockes Pathos in dieser Vollendung weist zurück auf den Manierismus und in die Spätantike, aber auch voraus in den Expressionismus des 20. Jahrhunderts.

Askese trifft Erotik

1758 schnitzt Pinsel wie um eine Mittelachse geschraubte und im Zickzack aufgeklappte Gestalten. Diese scheinbar ekstatisch Tanzenden meinen jedoch eine Madonna oder Ecclesia. Der Widerspruch von katholischer Askese und höchster Erotik in diesen Beispielen ist typisch für das, was "Barock" eigentlich bedeutet, nämlich eine Übertreibung. Auch Pinsels Engel schweben in Windungen, und das in erstaunlich monumentaler Größe von nur mehr in Teilen erhaltenen Ensembles. Propheten wie Aaron setzte er vergoldete, an Stierhörner erinnernde Kopfbedeckungen auf und steigert so den Ausdruck, der uns in der Hysterie postmoderner Diven wieder sehr gut gefällt.

Farblich noch einmal akzentuiert wird diese zum Winterpalais passende Präsentation mit türkisen Sockeln auf scheinbar labilen Platten. 2017 ist hier noch das Programm von Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco mit einer Ausstellung über barocke Mode und einer Schau über den polnischen König Jan III. Sobieski und Wien zu erwarten. Während der Vorbereitungen für die Letztere tauchte der vormals rätselhafte Bildhauer Pinsel aus dem Lemberger National-Museum und seinem Depot auf und kommt nun wieder ans Licht.

Ausstellung
Himmlisch! Der Barockbildhauer Johann Georg Pinsel
Winterpalais
bis 12. Februar