Zukunft von gestern: das "Wissenschaftsstädtchen" in den Wäldern.
Zukunft von gestern: das "Wissenschaftsstädtchen" in den Wäldern.

Die neblige Dämmerung liegt schwer auf den Bergspitzen. Außer einer weißen Kuppel ist aus der Ferne zunächst wenig zu erkennen. Es sind die Umrisse des Observatoriums von Nischny-Archys, dem größten optischen Teleskop Russlands. Das kreisrunde Gebäude steht auf 2000 Metern Höhe in der abgeschiedenen Bergwelt der Republik Karatschajewo-Tscherkessien im Nordkaukasus. Erst auf den letzten Metern des Treppenaufstiegs tritt das Observatorium aus einem bläulichen Licht ganz zum Vorschein. Die Fassade grau, das Innere erinnert eher an ein Film-Set eines alten Science-Fiction-Filmes als an einen Ort wissenschaftlicher Forschung. Ein hell erleuchtetes, farbenprächtiges Glasmosaik an der Decke zeigt die zwölf Tierkreiszeichen. Einen Stock höher dreht sich das gewaltige, 42 Meter hohe Teleskop.

Im Observatorium bemühen sich normalerweise Forscher um einen tiefen Blick ins Universum. Dieser Tage öffnet sich Nischny-Archys jedoch der Kunst. Österreichische und russische Künstler zeigen auf dem Areal ihre Installationen. So etwa Eva Engelbert, die mit ihrer Arbeit an die Architektin Galina Balaschowa erinnert. Die Architektin kreierte zu Sowjetzeiten das Interieur von Raketen und Raumstationen. Engelbert präsentiert eine Reihe von Rangabzeichen für fiktive Raummissionen. Ausgestellt hat sie die Arbeit in einem der runden Gänge des Observatoriums, da der Ort sie an eine Raumstation erinnere, erzählt die Künstlerin.

Die Ausstellung ist eine Premiere für die russischen Forscher: "Als rationale Menschen konnten wir uns zuerst nicht vorstellen, wie Künstler arbeiten", sagt Valerij Vlasjuk, der Direktor des Observatoriums. Gänzlich fremd seien die beiden Sphären einander aber nicht. Beide, Künstler wie Astrophysiker, würden nach dem Unentdeckten suchen, meint Vlasjuk anlässlich der Ausstellungseröffnung im "Wissenschaftsstädtchen" am Fuße des Berges vor den zahlreichen aus Moskau und Österreich angereisten offiziellen Besuchern und Medienvertretern.

Heute leben und arbeiten in der Siedlung noch 850 Wissenschafter mit ihren Familien. Obschon teils in die Jahre gekommen und dem Verfall preisgegeben, wirken die gut zwischen Hügeln und Bäumen versteckten mehrgeschoßigen Plattenbauten auch 40 Jahre nach ihrem Bau immer noch futuristisch, sind doch im ländlich geprägten Nordkaukasus die meisten Häuser nach wie vor nur zwei Stockwerke hoch. In der Sowjetunion genossen die Bewohner von Nischny-Archys Privilegien und hohes gesellschaftliches Ansehen. Damals hätten Mädchen für Astrophysiker geschwärmt, heute eher für Buchhalter, ist zu hören. Viel Geld wurde in den Wettlauf um die Erforschung des Kosmos investiert. Die Wissenschafter erhielten Labors, Werkstätten, es wurden Geschäfte, Schulen und Sportplätze für sie errichtet. Das Observatorium war berühmt, sein Teleskop galt bis 1993 gar als das größte der Welt.

"Mich hat die alltägliche Architektur fasziniert", sagt der Fotograf Jurji Palmin. Mit seinen Arbeiten will er den Blick der Menschen weg vom Universum, hin zu ihrer unmittelbaren Nachbarschaft lenken. Für die vom Österreichischen Kulturforum in Moskau mitorganisierte Schau fotografierte er Gebäude des "Wissenschaftsstädtchens": Eine Bushaltestelle, deren runde Fenster den Betrachter wie zwei Augen anzublicken scheinen, ein Wohnheim oder eine Wasseraufbereitungsanlage sind auf den in einem verlassenen Ladenlokal ausgestellten Bildern zu sehen. Der Verputz blättert, die weißen Kacheln lösen sich ab. Auch Häuser hätten ihren Lebenszyklus, genauso wie Sterne, meint Palmin.

Zerfall und Zukunft


Auch andernorts sind die Zerfallserscheinungen in Nischny-Archys nicht zu übersehen. Viele Forscher sind in den letzten Jahren weggezogen. Vor allem die junge Generation sucht mangels Perspektiven außerhalb des bettelarmen Nordkaukasus ihr Auskommen. "Wir leben an einem konservierten Ort", sagt die Spezialistin für Radioteleskopie, Viktorija Komarowa. Als sie während der Perestroika nach St. Petersburg reiste, habe sie der viele Dreck und der Abfall in der Stadt schockiert, erzählt sie. Bei ihnen im Observatorium war davon nichts zu bemerken. Heute gehe es ihr jedoch nicht um eine Fortsetzung der UdSSR, meint die Wissenschafterin. Bloß Ordnung und Betrieb des Observatoriums sollte aufrechterhalten bleiben. Seit 30 Jahren lebt Komarowa in Nischny-Archys. Geboren in Weißrussland kam sie nach dem Studium für ein Praktikum her und lernte ihren zukünftigen Mann kennen. Sie schätzt die gute Luft, das saubere Wasser und die Arbeit im Nordkaukasus. Die Menschen hier würden gemeinsam alt.

Es ist eine kleine, eingeschworene Gemeinschaft, die in Nischny-Archys lebt. Ludmilla Safonowa, Leiterin der Kantine, arbeitet eigentlich als Ingenieurin und beaufsichtigt einen Bautrupp, der das Observatorium repariert. In den chaotischen neunziger Jahren hat sie zusätzlich auch noch die Leitung der Kantine übernommen. Es gab kein Geld, um jemanden extra zu bezahlen. Mittlerweile hat sich die finanzielle Lage etwas verbessert, erzählt der Direktor. Das Observatorium erhalte Geld vom Staat. Verglichen mit der Republik Karatschajewo-Tscherkessien zahlten sie ihren Angestellten höhere Gehälter. Doch mit ausländischen Forschungseinrichtungen könnte die Einrichtung nach wie vor nicht konkurrieren, räumt Vlasjuk ein.