Der 1959 in Belgien geborene Künstler Francis Alÿs ist Architekt, der während seines langen Arbeitsaufenthalts in Mexico City in die bildende Kunst wechselte. Durch minimale, meist performative Interventionen wurde er bekannt - dabei ist die Verlagerung einer Sanddüne um zehn Zentimeter unter dem Titel "When Faith Moves Mountains", durchgeführt von 500 Freiwilligen in Peru 2002 als Protest gegen die politische Situation in der damaligen Diktatur - nicht nur in die Geschichte von Lima eingegangen. Alÿs war danach auf allen wichtigen internationalen Ausstellungen und in Museen vom MoMa über die Tate Modern bis zur Eremitage präsent. In Wien hat er seine erste Schau in der Secession und zeigt sich von einer ganz anderen Seite, als poetischer Maler, fast als Miniaturist einer Serie, an der er 20 Jahre gearbeitet hat: "Le temps du sommeil."

Anzugträger in Zwangshandlungen

111 kleine Bilder auf Holz sind in einer Linie wie ein Filmband um den ganzen Hauptraum gehängt. Sie brauchen genaue Sichtung, die durch das Kunstbuch ergänzt werden kann, in dem Textzugaben vorhanden sind, die jedoch unabhängig von den Inhalten bleiben. Auf einer an Bolusgrund zum Vergolden erinnernden roten Grundierung erscheinen kleine grüne Bildinseln selbst in einzelnen Motiven wie die Marginalien in mittelalterlicher Buchmalerei. Ein blutender Pelikan ist dem "Physiologus" entsprungen, wobei das Tier sein Blut für seine hungrigen Jungen spendet wie Christus für die Welt. Ein nacktes Menschenpaar ist mit dem Auswringen von Wäsche beschäftigt, Skelette mähen eine Hecke, Tiere, vor allem Esel und Hunde, treten auf; zuweilen stehen Leitern zueinander oder verbinden die Bildinseln. Daneben ein Datum, manchmal ein zweites für den Zeitpunkt der Übermalung, und der Titel.

Im Buch findet sich der nicht klärende Kommentar: "Sometimes doing something poetic can be become political and sometimes doing something political can become poetic." Das hört sich eher wie eine allgemeine Beschwörung aktueller künstlerischer Tendenzen an. Das Paradox sinnloser tätiger Figuren bildet ein Hauptthema neben wörtlichen Reisen durch Städte und durch Lebenssituationen. Manche Figuren, oft Anzugträger, scheinen in den kleinen Farbinseln Zwangshandlungen auszuführen; Konditionierungen, wie sie auf poetische Weise in Österreich auch in Zeichnungen und Fotos von Ulrike Lienbacher oder in der Malerei von Leander Kaiser verhandelt werden.

Dominant sind Linien, die sich zu Schnüren, Seilen, Stäben, aber auch zu Schlangen wandeln und nicht nur verbinden, auch Zäune bilden, Lasten ziehen. Doch es kann auch eine Leine werden, die Bäume umfängt, stützt oder zur sportlichen Betätigung der Menschen genützt wird. Als Springschnur, Gymnastikband, Messgerät kommt die Linie auch in den weißen ergänzenden Zeichnungen im Rot oder auch in Collagen von Equilibristen vor.

Wenn eine ganze Gruppe von Menschen an einem Seil zieht oder akrobatisch daran schwebt, fühlt man sich zudem an die performativen Interventionen des Künstlers erinnert. Die Zeit des Schlafes scheint, nach Aussage des Künstlers, eine Art Gegenwehr auf die Herausforderungen in einer Metropole wie Mexico City darzustellen. Als Filmer von "Paradox of Praxis" ergänzt Alÿs im Grafischen Kabinett mit einer Aktion des schlitternden Schmelzens eines Eisblocks auf warmer Asphaltstraße.

Die Malereiserie "Sailor" von Avery Singer wird am Computer mithilfe des Amateur-Softwareprogramms SketchUp konstruiert und mittels Airbrush-Technik auf Leinwand übertragen. Auch bei ihr tauchen Stereotypen des Kunstbetriebs und seiner Rituale auf. Das Abstrakte dominiert, doch Erinnerungen an Körper, Raum, Pinselschrift, Schatten und Netze bleiben. Die großen Formate im langen Galerieraum zitieren Raster und Oberflächenreiz, sind aber von einem industriellen Airbrush-Drucker in der Schweiz hergestellt, was jede direkte Handschrift ausblendet. Ein Sprung in neue digitale Bildexistenzen.