Der Burschi ist ganz schön viel herumgekommen. Dem Burschi ist Peter Dressler schon in den 70er Jahren begegnet, bei seinen Fotodokumentationen des Wiener Alltags. Der Burschi ist ein durchschnittlich attraktiver, etwas dicklicher Hund mit ambitioniert wirkendem Leinengurt und keckem Blick. Dressler hat ihn auf einem seiner Tableaus zusammen mit anderen Wiener Sehenswürdigkeiten gruppiert. Etwa einer Dopplerflasche an einem Seil, die wie von einem Galgen baumelt. Einer Brücke, die sich in einer Regenlacke spiegelt. Und einer Gemeindebau-Statue, deren zwischen den Beinen durchlugender Schäferhundkopf in der richtigen Perspektive an eine recht stattliche Erektion gemahnt.

Jahre später, in einer der vielen weiteren Phasen, die Peter Dressler in seiner künstlerischen Laufbahn durchschritt, hatte der Burschi dann aber erst seinen richtig großen Auftritt. Da hat Dressler ihn nämlich als Pappfigur in den großen Museen vom Louvre in Paris bis zum Moma in New York aufgestellt und fotografiert. Und nahm so den Kunsttempeln ein wenig von ihrer Ehrwürdigkeit. Holte sie näher an den Betrachter heran. Auch wenn es sich nur um Schabrackentapir-Vitrinen im Naturhistorischen Museum handelt.

Schwein im Tütü


Das Kunsthaus widmet dem österreichischen Fotografen und Künstler Peter Dressler (1942-2013) seine erste große Retrospektive. Im ersten Teil werden die Fotos, mit denen Dressler ein Wien der 70er Jahre eingefangen hat, gezeigt. Da gibt es die Serie "Eilboten", Momentaufnahmen aus dem Wiener Kaffeehaus. Ein Stammgast sitzt sinnierend am Tisch, eine Frau steht auf der Leiter und schrubbt den Spiegel, der einen Blick über den ganzen, recht leeren Gastraum wirft.

Andere Tableaus wiederum widmen sich der zweiten Stadtliebe Dresslers, Paris. Etwa "Les Gourmandines", in der eine Schönheit im Babydoll-Negligee mit dem Schampusglas winkt, daneben hat Dressler Einblicke in Fleischhauer-Auslagen platziert. Vom Schweinepo im Papiertütü bis zur Pferdewurst, die liebevoll mit Plastikrosen dekoriert wurde. Seinem Faible zum "beharrlichen, bohrenden Verfolgen von Ähnlichkeiten" sind auch Zusammenstellungen von Männerfrisuren und ihren Schaufensterpuppenpendants geschuldet. Eine Hommage an Wien ist auch der Film "Sonderfahrt (ca. 40 Minuten lang)", der ebenfalls in der Schau zu sehen ist.

In späteren Jahren hat sich Dressler vom Beobachter-Status entfernt und sich als Akteur seiner eigenen Bilder inszeniert. Erst noch subtil, wie auf dem Bild "In der Hauptsache dabei", wo Dressler seinen Namen mit Leistungsbilanz auf Fernsehbilder von Sportlern der Olympischen Spiele von 1976 montiert hat.

In den Fotos der Serie "Aus seltenen Rezepten" ist Dressler schließlich selbst auch zu sehen. Mit korrekter Kochhaube und mehlbestäubtem Gesicht hält er Gerichte, die kaum zum Essen gedacht sind, in die Kamera. Etwa eine Porzellantänzerin und eine Matadormaschine.

Tennis im Semper Depot


Für die Serie "Tie Break" hat der Akademielehrer Dressler das Semper Depot für eine Nacht ausräumen lassen und einen Tennisplatz "ausgelegt", um für seine Fotos im Morgenmantel den Aufschlag zu üben. Im Morgenmantel oder in der Hausjacke sah sich Dressler überhaupt gerne. Auch in der Serie "In unmittelbarer Nähe", in der er behutsam Gemälde der Akademie der Bildenden Künste umhängt und abstaubt. Ein ausführlicher Teil der Ausstellung ist weiters genau konzipierten, aber charmant willkürlich wirkenden Pariser Ansichten, für die sich Dressler von seinem Vorbild Brassai inspirieren hat lassen, gewidmet.

Der letzte Teil der Ausstellung zeigt eine der letzten, der Ausstellung den Namen gebenden Aktionen Dresslers: 2012, im Jahr der Finanzkrise, machte er sich auf, in Wien Gold zu finden. Die Fotos zeigen ihn in der halb leeren Straßenbahn mit Pickel und im Dreck einer Baustelle mit dem Goldwaschkasten hantierend. Der Lohn des Künstlers: tatsächlich ein Bröckerl Gold.

Ausstellung

Peter Dressler. Wiener Gold.

Kunsthaus Wien

bis 5. März 2017