Französisches Barock, Rokoko und Klassizismus werden selten gezeigt in der Albertina, sind doch Impressionismus und Moderne heute die beim Publikum höher geschätzte künstlerische Zeiten. Doch besitzt das Haus 2800 französische Meisterzeichnungen, davon stammen 2000 noch aus dem Urbestand der Sammlung des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen. Rund 70 sind nun in den Tietze-Galleries zu sehen, dabei die monumentalste Papierarbeit des Hauses: Jacques-Louis Davids "Die Kämpfe des Diomedes" von 1776.

Der Klassizist lässt wilde Dramatik auffahren, Götter und Menschen sind in die trojanischen Kämpfe involviert und einige Episoden auf dem mehrteiligen Blatt kombiniert - es diente dem Revolutionär und späteren Hofmaler Napoleons als effektvoller Nachweis seines Rom-Stipendiums. 1958 hat es Werner Hofmann erstmals erläuternd publiziert. Mit Klassizismus, Revolution und Aufklärung bekam die Kunst eine moralische Note, die zuvor im "Ancien Régime" nicht angebracht war.

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Aristokratische Weltflucht

Da spielte man mit heiteren Traumwelten, die feudale Weltflucht der Aristokratie erlaubte erotische bis kapriziöse Erfindungen, das Rokoko sah sein Ende nicht voraus, die Künstler dienten den Herrschern und einer weltfremden Geselligkeit nach dem antiken Muster der Idylle: Schäferromantik und "Fêtes galantes" beschäftigten Jean-Antoine Watteau. Seine Rötelzeichnungen von Frauen oder Göttinnen wie Diana spielen im Wald, Garten oder in der Utopie literarischer Liebesinseln. Die Liebe besiegt sogar den Tod: In einem virtuos lavierten Tusche-Blatt Jean-Honoré Fragonards steigt ein sich küssendes Paar als Rauch aus einem geborstenen Sarkophag unter Bäumen in die Lüfte.

Die auf getöntem Papier mit schwarzer Kreise und weiß lavierten Bildnisse der adeligen Auftraggeber sind wie im Fall Hyacinthe Rigauds souverän gezeichnet, aber, wie ihre Schlösser und Parks, Dokumente einer untergegangenen Welt. Davids Streitwagenszene nach der Antike ist im 20. Jahrhundert weniger geschätzt worden als die römischen Architekturparaphrasen mit antiken Ruinen, die die im 17. Jahrhundert nach Italien pilgernde Künstler wie Fragonard, Hubert Robert und Charles-Joseph Natoire teils schon im Freien in Rom mit farbiger Tinte, Kreide, aquarellierten und lavierten. Sie idealisierten die Realität und bauten Geschichten ein: Hirten, Musiker und Fischer, oder auch einfach nur Ausruhende, waren beliebte Begleitmotive. Robert wurde wegen seiner Vorliebe für diese Architekturpasticcios von Tempeln und Statuen, überwachsen von Gras und Bäumen, "Ruinenrobert" genannt.

Dem "Concert champêtre" von Bernard Picart mit eleganter Hausmusik im Park steht die durchkomponierte Skizze auf blauem Papier von François Boucher, "Das Aquädukt bei Arcueil" (um 1750), gegenüber. Davor haben sich die Künstler direkter mit der Natur beschäftigt: Seltener die traumhaft wilde Natur mit theatralisch verteilten Menschengruppen als häufiger Versatzstücke und Blickpunkte aus der Landschaft um Rom lieferten die uns die immer noch faszinierenden Maler Nicolas Poussin und Claude Gellée, genannt Lorrain, die den ersten Raum der Schau dominieren. Lorrains braune "Tiberlandschaft nördlich von Rom bei düsterem Wolkenhimmel" von 1640 ist so unspektakulär wie Poussins mit brauner Feder skizzierter Blick auf das Tibertal um 1624. Sie nehmen Vieles vorweg, was im 19. Jahrhundert von William Turner und englischen Meistern auf Papier weitergeführt wurde.

Bei aller Weltabgewandtheit des Spätbarock und Rokoko haben die Pinsel- und Rötelzeichnungen Fragonards besondere Qualitäten - vor allem sein Porträt der im Freien zeichnenden Kollegin Marguerite Gérard oder das Aquarell über Rötel und schwarzer Kreide von einem "Mädchen mit Murmeltier" um 1780. Auch Simon Vouet und Pierre Mignard sind mit italienisch angeregten Werken vertreten, Eustache Le Sueur wurde sogar der französische Raffael genannt.

Streit um die wahre Kunst

Mignard nahm dem Gründer der französischen Kunstakademie, Charles Le Brun schließlich alle Ämter weg, nachdem dieser beim König in Ungnade gefallen war. Die Akademie focht einen langen Theorie-Kampf aus zwischen den der klaren Zeichnung verbundenen Anhängern Poussins und den Rubens folgenden Malern. Letztere waren siegreich. In den Zeichnungen macht sich das durch Verwendung bunter Kreiden und Lavieren stark bemerkbar.

Mit der Aufklärung zog auch die Sozialkritik ins Land. Ihr besonderer Vertreter ist Jean-Baptiste Greuze, der biblische Gleichnisse und Bildungsromane eines Jean-Jacques Rousseau als Inhalte wählte, um auch ärmere Schichten und Alltagsszenen abzubilden. Sein "Knabe mit zerbrochenem Ei" um 1756 steht in Gegensatz zu den süßlichen Akten und Amoretten Bouchers kurz davor. Der Sonnenwagen Apolls, für den Letztgenannter eine gekonnte Studie der Pferde schuf, ging langsam in den Sinkflug - so wie auch der Sonnenkönig.