Marcel Odenbach konfrontiert das Publikum mit seiner Erinnerungsarbeit über die faschistische Vergangenheit Deutschlands und die Ambivalenzen der Aufarbeitung im Westen wie im Osten. Daneben blickt er mit "Deutschstunde" über die Jahre nach 1945 hinaus auf den Genozid in Ruanda 1994 sowie die Bootsflüchtlinge aus Ländern südlich der Sahara in unseren Tagen. Seine subtilen Collagen, die schöne Landschaften, Wohnzimmer, Bäume, Tiere und Dokumente zeigen, erweisen sich nahsichtig immer als dokumentarische Kartografien politischer, gesellschaftlicher Problematik oder von Folge-Katastrophen unreflektierten Handelns.

Kreise(n) um Orte des Schreckens

Odenbach, Jahrgang 1953 und derzeit Dekan der Kunsthochschule Düsseldorf, interessiert die Unterwanderung einer Ideologie durch eine andere, die Ambivalenz des Heimatbegriffs, und er beantwortet seine ganz persönliche Dialektik damit, dass in seiner Familie jüdische und dem Nationalsozialismus anhängende Verwandte existierten und nach 1945 schwiegen oder ganz banale Antworten gaben. In seiner Nachbarschaft stand ein Haus für ausgegrenzte Flüchtlinge aus dem Osten.

Die Fragmente seiner Erinnerung treiben ihn bis heute an - der Film "Beweis zu nichts" (nach einem Gedicht-Titel von Ingeborg Bachmann) verhandelt die ideologische Vereinnahmung der Gedenkstätte in Buchenwald durch die DDR. 1952-1958 konzipierten Berthold Brecht und Fritz Cremer ein Mahnmal, das mit einer Figurengruppe neben dem Rückgriff auf Auguste Rodins "Bürger von Calais" bruchlos den Stil der Nazi-Diktatur fortsetzte. Dabei sollte nach Brechts Geschmack ein Material gewählt werden, das sich schon nach wenigen Jahren auflösen sollte.

Für Odenbach ergibt dessen spannender Hang zum Immateriellen eine Aktualität im Denken, die von den männlichen Bronzefiguren nicht erfüllt wird. Odenbachs Kamera fährt im Kreis um die Figuren, ganz nah und dann doch ganz kurz den Glockenturm und die Landschaft mit einfangend.

Dieses Kreisen um ein Mahnmal hat der Künstler zuerst im NS-Konzentrationslager Majdanek mit "Im Kreise drehen" 2009 erprobt, um die Monumentalität der riesigen Form einer Opferschale tänzerisch aufzulösen. Nahsichtig ergibt sich ein Gefühl, das Höhle, Erde und Asche inhaltlich suggerieren: Wärme. Eine Umwandlung liegt auch der Collage "Die gute Stube" zugrunde, wenn Opfer- und Kriegsfotos sichtbar werden, die sich, hinter Farbschleiern getarnt, leise zu Wort melden. Es handelt sich um Hitlers Wohnzimmer am Obersalzberg mit heimeligem Wohnstil vor einem Panoramafenster zu grandioser Bergkulisse. Schönheit zerbröselt wie die Palmblätter des Dschungels in "Durchblicke", einem Fries, der die Kolonialgeschichte Afrikas in nächtlicher Romantik abhandelt.

Flüchtlinge auf dem Floß der Medusa

Dazu passt der Film "In stillen Teichen lauern Krokodile" über die ermordeten Tutsi in Ruanda mit Archivmaterial der UNO-Berichte 2002/04. Marcel Odenbach lässt uns auf den heutigen Bauernalltag blicken, nur in der Tonspur läuft damalige Hetzpropaganda ab.

Der Ton, die Wahl der Worte, ihr Aussparen und die gewählte Musik sind für Odenbach ebenso wichtig für "Im Schiffbruch nicht schwimmen können". Der Film von 2011 verhandelt drei Schicksale von afrikanischen Bootsflüchtlingen im Museum Louvre in Paris vor Théodore Géricaults Gemälde "Das Floß der Medusa". 1819 hatte dieser Maler das Scheitern französischer Kolonialgeschichte im Senegal theatralisch gestaltet und den Blick auf den stattgefundenen Kannibalismus unter den Schiffbrüchigen ausgespart. Wir werden vor Odenbachs Einblicken in nachwirkende Täter- und Opferstrukturen nicht belehrt, müssen selber Antworten finden, den Schutz seiner filmischen Fenster verlassen und Fragmente zusammenfügen.

Didaktisch ist sein Vorgang aktuell, das Lösen formaler Grenzen wie die Montage perfekt, die Kombination von Erinnerungsfragmenten antiidyllisch.