Künstlerische Forschungen und Grenzauslotungen: Das Bild zeigt ein Hologramm aus 1986 von Alfons Schilling. - © WL/Nachlass A. Schilling
Künstlerische Forschungen und Grenzauslotungen: Das Bild zeigt ein Hologramm aus 1986 von Alfons Schilling. - © WL/Nachlass A. Schilling

Es ist ein interessanter Neuansatz, sich beim Werk des in Basel geborenen Wahlösterreichers Alfons Schilling (1934 - 2013) auf seine fotografischen und filmischen Erfindungen zu fokussieren. Denn der Künstler nützte ab 1962 in New York seinerzeit neue Medien wie Video, um eine erweiterte Geschichte der Wahrnehmung zu schaffen. In der Fotografie waren ihm vor allem das Linsenraster und die damals neu erfundenen Hologramme behilflich.

Unsere Wahrnehmung war ihm aber zu sehr auf ein Auge reduziert und so konstruierte er eigene "Sehmaschinen", um dem binokularen Raumsehen Vorschub zu leisten und mehr Bewegung in die Kunst der Avantgarde der 1968er-Generation einzubringen.

Cyberspace-Visionen

Die Anfänge waren bereits spektakulär: Schilling gab mit seinem Studienkollegen Günter Brus den wesentlichen Anstoß zum "Wiener Aktionismus". Dabei wurden der ganze Körper und der Galerieraum in ihre Aktionsmalerei einbezogen. Den Körper selbst als skulpturales Medium nutzen, also die Bereiche der Body-Art, interessierten ihn aber nicht. 1962 verließ er Wien in Richtung Paris, um dort mit seinen Rotationsbildern, sich drehenden Scheiben, auf die er Farbe schleuderte und die dynamische Komposition dem Zufall überließ, die Grenzen der Malerei auszuloten.

Mit dem Umzug nach New York im gleichen Jahr verlegte er sich auf das Gebiet der künstlerischen Forschung, 20 Jahre, bevor diese Richtung sich auch in Europa etablierte. Was als eine Bereicherung der Fotografie von Bewegungsabläufen gelten kann, die im 19. Jahrhundert Étienne-Jules Marey und Eadward Muybridge begonnen hatten, geriet durch neueste technische Anregungen - auch aus der Raumfahrt - in erste Cyberspace-Visionen. Dabei wird Schillings persönliche Verbindung zu den utopischen Wiener Architekten Hans Hollein und Walter Pichler spürbar, auch zu zeichnerischen Untersuchungen Max Peintners in philosophischer wie physikalischer Richtung von Ernst Mach. Mit Pichler reiste er nach Mexiko und parallel zu dessen Prototypen entstanden seine am eigenen Körper anzulegenden "Sehmaschinen". Diese Zwitter aus Skulptur und Kamera sind mit optischen Geräten kombinierte Holzkonstruktionen, wissenschaftlich anwendbar, aber auch an Leonardo da Vincis Fluggeräte erinnernd. Sie sind durch Dokumentaraufnahmen mit dem Künstler als Modell an den Wänden zu sehen. In Vorlesungen hat Schilling die damit erforschten Vorgänge performativ erklärt und auch eigene Geräte für Stereodias benützt, die das Publikum im Westlicht benutzen kann. Im großen Kinosaal des "Living Cinemas" in New York 1975 wurden seine Entdeckungen mit dem Stereoeffekt von 3D-Brillen vermittelt. Die eigenen filmischen Experimente ergänzen sich durch seine unkonventionelle Kameraführung für Kollegen wie Claes Oldenburg oder Carolee Schneemann bei deren Performances.

Schillings künstlerisches Teamwork ist bis heute wenig beachtet worden und bildet einen neuen Schwerpunkt in der Schau "Beyond Photography". Umdrehung der Kamera, eigene Lichtführung und Verwendung von Footage-Material gehören zu seinem Paarlauf mit den Ingenieuren dazu. Im Katalog sind von Roland Fischer-Briand, Andreas Spiegl und Kurator Fabian Knieriem dazu neue Forschungsansätze zu finden. Entfesseltes Raumsehen kombiniert sich in den Linsenrastfotoaufnahmen von 1968 und 1970 mit sozialkritischer Thematik wie den "Chicago-Demos" und "Chicago Riots". In Letztere war Schilling am Weg zu einem Konzert geraten und filmte die brennenden Autos, um einzelne Farbfilm-Kader danach ins Linsenraster zu übertragen.

Auch die Lochbildkamera nutzte er für Mehrfachaufnahmen im Stadtraum. Er übertrug die Bildkreisel um 1990 auch in Worte bildende Fotografien wie "Denormieren". Zudem nehmen Schillings "Multiheads" die Überblendungen von Thomas Ruff oder Rosemarie Trockel vorweg.

Der Künstler kehrte 1986 nach Österreich zurück, seine Pionierrolle wird aber trotz vielseitiger Personalen in Museen und Kunsthallen, Preisen und Unterricht an der Angewandten, bis heute noch zu wenig beachtet; vielleicht gelingt dies besser durch seine tragende Rolle für die Fotografiegeschichte.