Der Stephansdom ist nicht unbedingt für Funkeln und Glänzen bekannt. Höchstens für leuchtende Kerzen und für praktizierende Dombesucher vielleicht noch für glänzende Liturgiegewänder. Die österreichische Künstlerin Victoria Coeln hat das nun kurzfristig geändert. Ausgerechnet in der Fastenzeit glitzern 37 Säulenheilige des Doms nun besonders hervor - sie wurden jeweils mit einer Rettungsdecke verhüllt.

"Verhüllungen" ist eine erweiterte Version der seit einigen Jahren üblichen Fastentuch-Kunstaktion im Wiener Wahrzeichen. Kaum ein vermeintlich harmloser Begriff ist heute so umkämpft wie "Verhüllung" - in der aktuellen hitzigen Debatte darum, ob sich Frauen verhüllen dürfen oder müssen. Coeln übernimmt die Assoziationen, setzt sie aber in einen neuen Kontext. Hier dient die Verhüllung dazu, noch sichtbarer zu machen. Das flirrende Metall der Folie zieht den Blick auf die Heiligen, das Licht, das Coeln darauf strahlen lässt, reflektiert so, dass die Gesichter der Statuen stärker in den Fokus kommen. Es empfiehlt sich ein Besuch am Abend, in der dunklen Kirche sollen die Reflexionen wirkungsvoller sein.

Coeln hat unterschiedliche katholische Heilige ausgewählt - manche mit sehr direktem Bezug auf die Flüchtlingskrise beziehungsweise den christlichen Umgang mit Schutzsuchenden, etwa den Heiligen Christophorus ganz hinten im Dom, der mitsamt gerettetem Jesuskind aus der Aludecke lugt. Sie hat aber auch die heilige Sophia von Mailand mit ihren Kindern Fides, Spes und Caritas "eingekleidet" und regt damit zu theologischen Überlegungen an. Ist doch die Märtyrergeschichte von Sophia (die erst ihre Kinder zu Tode foltern ließ, um sich dann selbst zu opfern) eine besonders gruselige und unnachvollziehbare. Aber die metaphorische Deutung, die die Übersetzung der Namen, Weisheit, Glaube, Liebe, Hoffnung, in eine Beziehung setzt, ist umso einleuchtender. Leider gibt es keine Erklärungen zu den ausgewählten Heiligen vor Ort, die jeweiligen Hintergrundgeschichten muss man sich selbst erarbeiten, was Coeln als besonderen Reiz empfindet.

Weibliche Heilige kommen im Mai vor den Vorhang

Im Vorjahr hat Victoria Coeln das Burgtor, den Eingang zum eben wieder diskutierten Heldenplatz, mit einer Stacheldraht-Projektion bespielt. Sie hat auch schon Lichtkunstarbeiten in der Kathedrale von Burgos oder bei den Ausgrabungen in Ephesus gezeigt. Das Fastentuch im Stephansdom hat sie gemeinsam mit der Schweizer Künstlerin Susanne Lyner gestaltet. Es ist eine Leinwand, auf die ein Filmloop projiziert wird, dessen erstes Bild sich erst wieder in 81,5 Jahren wiederholen wird. Das ist die durchschnittliche Lebenszeit eines Mitteleuropäers. Die Verbindung der Altarverhüllung mit den Heiligen-Verhüllungen ist nicht zwingend plausibel. Dennoch ist die Projektion von schwarz-weißen Farblinien, die Lyner ins Bild wirft, von durchaus eindringlicher Meditativität. Assoziationen von Jahresringen in Holz und Textilfasern kommen ebenso auf wie jene zum Grabtuch von Turin. Weil die Leinwand nie ganz blickdicht ist, ist auch der Blick auf den Altar nie ganz versperrt, auch hier wird also mit dem Lenken von Perspektiven gespielt.

Das Fastentuch wird aber nicht 81,5 Jahre hängen bleiben, sondern nur bis Ostern. Im Mai setzt Coeln ihre Aktion im Dom mit einer weiteren Installation fort. Dann werden weibliche Heilige in den Vordergrund "geleuchtet".