Diese Pailletten sind wertlos: Banale Kupfer-Pennys und stinknormale Knöpfe täuschen hier üppigen Luxus vor. - © Belvedere
Diese Pailletten sind wertlos: Banale Kupfer-Pennys und stinknormale Knöpfe täuschen hier üppigen Luxus vor. - © Belvedere

Wenn man dieser Tage über ein Beispiel für den Begriff "vulgär" grübelt, dann könnte einem zum Beispiel ein jüngst aus dem Weißen Haus depeschiertes Foto einfallen. Darauf sitzt die Beraterin des US-Präsidenten, Kellyanne Conway, inmitten vieler elegant bis festlich gekleideter Männer auf einer Couch. Eher kniet sie, betont zwanglos, mit mäßig gespreizten Beinen. Sie wirkt wie eine Frau, die glaubt, immer noch ein kleines Mädchen sein zu können, das sich keinerlei gesellschaftlichen Anständigkeitskonventionen unterwerfen muss. Das kann man originell finden. Oder ordinär. Was nun eben die Bedeutungsebene ist, die "vulgär" in unserer Sprache zum größten Teil hat. Wer sich aber von der gleichnamigen Mode-Ausstellung im Belvedere Winterpalais erwartet, dass Vulgarität in diesem Wortsinn aufgearbeitet wird, wird von einer Art Etikettenschwindel enttäuscht sein. Denn die Kuratoren dieser Schau, die zuvor im Londoner Barbican Center zu sehen war, haben die Bezeichnung "vulgär" auf unterschiedliche Weisen interpretiert - und ein Konzeptkonstrukt geschaffen, das nicht zwingend einleuchtend ist.

Jeans, so gewöhnlich

Einerseits bezieht sich die Ausstellung von Psychoanalytiker Adam Smith und Modephilosophin Judith Clark auf den lateinischen Ursprung des Wortes, "vulgus" für Volk. Andererseits wird "vulgär" als die Grenze zwischen gutem und schlechtem Geschmack definiert, den die Mode immer wieder überschreitet - um so neue Geschmackskriterien festzulegen. Smith etwa beschreibt "Vulgär" einmal knackig als "Selbstheilmittel gegen die Angst vor der Armut". Ein andermal erklärt er: "Alles, was wie Geld durch zu viele Hände geht, ist vulgär." Das ist alles sehr überlegt, kultiviert und kenntnisreich und natürlich auch richtig. Manchmal passt das Ausgestellte auch zum theoretischen Überbau, wie einige Teile aus jener Kollektion von Miu Miu, die aus Jeansstoff, dem "gewöhnlichsten aller Stoffe", eine kleidgewordene Zeitreise durch das 20. Jahrhundert darstellt. Oder jener üppig dekorierte Entwurf von Viktor & Rolf, der mit Tüllkaskaden und Glitzer Luxus vortäuscht, der gar nicht da ist: Sind doch die vermeintlichen Pailletten stinknormale Knöpfe. Und wenn eine Puppe aus der Ferne wie Heinrich VIII. aussieht und sich näher besehen als Entwurf von John Galliano für Dior von 1998 entpuppt, dann kann man das wohl als eine Aneignung des königlichen Styles, die sich die Mode - als Stellvertreter für das gemeine Volk - erlaubt, interpretieren. Dass das Ganze wiederum im Rahmen einer Haute-Couture-Show stattfindet, die in etwa die Volksnähe eines privaten Abendessens bei Michael Jackson selig hat, führt das ganze wieder schön ad absurdum.

Echte und falsche Pailletten

Am besten fährt man bei dieser durchaus opulent ausgestatteten Ausstellung vielleicht, wenn man das fragile philosophische Konzept ignoriert und die Exponate als zitatreiche Erzählungen auf sich wirken lässt. Wie den typischen Vivienne-Westwood-Humor, die zum Jubiläum des Louis-Vuitton-Monogramms eine Tasche entwarf, die man wie ein falsches Hinterteil ("faux-cul") aus der Reifrock-Ära trägt. Oder Alexander McQueens Hommage an das Gemälde "Die Hinrichtung der Lady Jane Grey" von Paul Delaroche. Oder Walter van Beirendonck, der Frauen Elefantenröcke anzieht, die ihnen einen ulkigen Phallus verleihen. Oder Karl Lagerfelds Kleider für Chloé aus dem Jahr 1984: Mit dem Namen "Cretoise" spielen sie schon auf ihre Verwurzelung in der Antike an, die üblichen Drapierungen und Faltenwürfe werden hier allerdings mit glitzernden Stabperlen und Pailletten nachempfunden.

Dem absoluten Trompe-l’il verschreibt sich wiederum Maison Martin Margiela: Das Abendkleid, das das Label für die Kooperation mit dem Textilriesen H&M gestaltet hat, scheint mit Pailletten bestickt - tatsächlich ist es ein Fotodruck. Noch dazu ist es einer alten Kollektion entnommen, also sozusagen eine Kopie einer Kopie einer Kopie. So kann ein einziges Modell Modegeschichte auf den Punkt bringen - ohne verwinkelte Theorie.