Poesie ist angesagt in der aktuellen Kunst. In der Schau "Mehr als nur Worte (Über das Poetische)" verhandeln die Kuratoren Luca Lo Pinto und Vanessa Joan Müller im Erdgeschoß der Kunsthalle Beispiele aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als subjektive Auswahl zu dem, was der Linguist Roman Jakobson der Kommunikation in sechs Schritten von Sender zu Empfänger an poetischer Funktion abringt. Zwischen Bild und Wort kommt es durch Klangfarbe, Rhythmus oder Übersetzung von einer Sprache in die andere zur Entstehung von Kunst - im besten Fall. So dachte schon Joseph Beuys, der hier aber nur als Schamane über den Wassern schwebt.

Sprachverwirrung

Gerhard Rühms konkrete Poesie in vier seiner Wortbild-Collagen führt uns zurück zu den Wurzeln der Wiener Gruppe 1956-1962 und zur ästhetischen Kommunikationsform von vier Lautgedichten. Die Kuratoren haben "Between" und "Schnee" nicht ohne Bezug zu anderen Kunstwerken im Raum gewählt. So kehrt der Schnee wieder in "Dust of Snow" von Jenny Perlin, einem Video, das 2009 über ein gleichnamiges Gedicht von Robert Frost und dem davon inspirierten Musikstück von Elliott Carter eine genaue Sprachanalyse vollzieht. Ort und Zeit der Entstehung des Gedichts werden nicht nur durch Schwarz-Weiß-Bilder der amerikanischen Ostküste kombinierbar. Rhythmen der Bildfolge und Takt der Musik integrieren die Anwendung der Cuisenaire-Stäbe, mit denen ein belgischer Schullehrer für Musik- und Mathematikunterricht abstrakte Konzepte körperlich erfahrbar machte.

Die babylonische Sprachverwirrung überkam nicht nur Ezra Pound (im Werk Olve Sandes): Schon beim Eingang der Schau verunsichert Michael Snows Dreisprachigkeit in drei Kanälen einer Videoinstallation "That/Cela/Dat". Im Takt von 15 Minuten wechseln die projizierten Wortfolgen von Englisch in Französisch und Flämisch, doch auch der Sinn verschiebt sich jeweils um ein Sprachbild. Der Kampf um die Texterfassung beginnt, es geht dabei auch um die Ausstellung, ihren Ort und selbst die Wand des Gebäudes. Wer mehr an den Stein von Rosette und die Entzifferung der Hieroglyphen denkt, ist selbst schuld.

Einfacher macht es uns John Baldessari, Altmeister der Kunstworte, im Video "Teaching a Plant the Alphabet": Schon 1972 zeigte er, dass wir unsere Topfpflanzen künstlerische Dressur angedeihen lassen können, indem wir ihnen die Buchstaben des Alphabets als Lernkarten hinhalten und gleichzeitig vorsagen, bis das ganze logische System zusammenbricht.

Die Schau hat zeitweise einen Geiger zu bieten, der die Transkription des Summens einer Mücke zur Melodie variiert (Fernando Ortega und Paul Wregg), ein Team ändert beständig die weißen Neonröhren in Rosa, um uns alles mit der bekannten "rosa Brille" sehen zu lassen und man kann (übrigens vergebens) auf die Sprache eines Papageis im 16mm-Film "Glossolalia" eines Künstlerduos aus Lissabon hoffen. Sinnlos und unlogisch scheint daneben nur die Bilderflut der Katholiken, denen Martin Luther ja ohnehin rechtzeitig die Kirchen ausgeräumt hat, um das Wort als Hort der Wahrheit zu erklären.

Sterne essen

Der Schau kommt logischerweise das Lutherjahr zugute, aber auch der unermüdliche Kunstforscher Olaf Nicolai mit seiner Arbeit "Les Mangeurs d’étoiles (In Honor of Raymond Roussel)" mit Postern, auf denen sternförmiges Teegebäck zu sehen ist. Daneben propagiert ein Text George Batailles das Sterne-Essen als etwas größer Machendes. Eine Geschichte steckt hinter den Keksen: Der von den Surrealisten verehrte Dichter Roussel besaß eine Dose mit sternförmigem Gebäck, Souvenir eines Frühstücks vom 29. Jänner 1923 mit dem Poeten und Astronomen Nicolas Camille Flammarion in einem Observatorium. Aus seinem auf einem Flohmarkt erworbenen Nachlass schenkte Roussel die Dose samt Keks der Künstlerin Dora Maar. Dies könnte die Gedankenkette zu Picasso bilden, denn es stellt sich die Frage, ob "Guernica" nach Genuss der Kunsthostie entstand und dies die geistige Inspiration durch seine Lebensabschittsmuse ersetzte. Den Journalisten servierte Kunstkekse haftet ein historischer Duft an; Nicolai assoziierte dazu im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" die Dosenfüllung für Piero Manzonis "Künstlerscheiße".