Das schwere Gugginger Künstler-Gästebuch, das nun hinter Museumsglas liegt, ging noch vor wenigen Jahrzehnten durch viele Hände. Die Künstler aus Gugging zeichneten darin - aber auch die etablierten Künstler, die in Gugging zu Besuch waren, hinterließen darin ihre Werke. Arnulf Rainer, Alfred Hrdlicka oder Franz Ringel sind etwa darin verewigt, neben den Guggingern Oswald Tschirtner oder August Walla. Die Grenzen zwischen akademischer und roher Kunst verschwimmen darin - sind nicht mehr spürbar. Das Gugginger Gästebuch sei daher das Leitmotiv der Ausstellung "Psycho Drawing", erklärt Kuratorin Brigitte Reutner.

Auch in der umfangreichen Art-brut-Ausstellung im Linzer Kunstmuseum Lentos sind diese Grenzen kaum spürbar. Die Kunstformen werden einander nicht nur gegenübergestellt, sondern verschmelzen ineinander. Das Augenmerk beim Besucher gilt nicht mehr den Namen und Kategorisierungen, sondern der Kunst selbst und der Frage, was gute Kunst ausmacht. "Mir war es wichtig, die Qualität der Kunstwerke in den Mittelpunkt zu rücken und die Kunst der Gugginger Art-brut-Künstler mit dem Schaffen der österreichischen Künstler der 60er und 70er Jahre auf eine Stufe zu stellen", sagt Brigitte Reutner.

"Außenseiterkunst"

Das Gugginger Gästebuch führte der Psychiater Leo Navratil. In den 50er Jahren begann der Primararzt an der damaligen Landesnervenklinik Gugging seine Patienten zu Diagnose- und Therapiezwecken zeichnen und schreiben zu lassen. Er ließ sie nach alten Meistern zeichnen, legte ihnen Abbildungen aus Kunstzeitschriften vor und bat sie, auf diese zu reagieren. Patienten wie Anton Dobay, Johann Hauser oder Oswald Tschirtner sprachen auf diese Therapiemethode besonders gut an und wurden schöpferisch aktiv, entwickelten ihre eigenen künstlerischen Sprachen, die bis heute unverwechselbar sind. Aus den Patienten wurden international anerkannte Künstler.

Die Vielzahl an Diagnosezeichnungen legte einen Grundstein für eine große Sammlung und das Etablieren einer neuen Kunstrichtung in Österreich. Die "Außenseiterkunst" von Menschen mit psychischen Erkrankungen hatte es zunächst schwer, sich zu etablieren. "Die Qualität war aber so groß", sagt Peter Pongratz in einem der vielen Video-Interviews in der Linzer Ausstellung. So groß, dass selbst die altmodischsten Mitmenschen es nicht übersehen konnten. Wer von der Kunst noch nicht überzeugt war, war es spätestens nach der ersten großen Ausstellung im Jahr 1970, sagt er. In der Galerie nächst St. Stephan stellte Otto Mauer unter dem Titel "Pareidolien" die Gugginger Künstler aus. "Danach war der Weg geebnet", erzählt Pongratz. Peter Baum, ehemaliger Leiter der Neuen Galerie Linz, aus der später das Lentos Kunstmuseum wurde, kaufte in den 80ern große Teile der Sammlung Navratil an. Mit 450 Werken besitzt das Lentos daher nun eine der größten Art-brut-Sammlungen Österreichs. Fast 200 davon werden in der aktuellen Ausstellung gezeigt, nahtlos mit Werken von Günter Brus, Maria Lassnig, Arnulf Rainer oder Friedensreich Hundertwasser verwoben.

Holzgitter und Video-Interviews

Selten war eine so umfangreiche Schau im Lentos zu sehen: Die Fülle an Werken im großen Raum wurde architektonisch gut gelöst, große Holzgitter ziehen ihre Bahnen durch den Saal. Die Grenzen verschwimmen nicht nur zwischen den Kunstrichtungen, sondern auch zwischen den Themenräumen: Manche Werke sind direkt an den Gittern angebracht, weil sie nicht so einfach einzuordnen sind. Besonders wertvoll an der Ausstellung sind die umfangreichen Video-Interviews mit Künstlern wie Christian Ludwig Attersee oder Franz Schuh, die Kuratorin Reutner im Februar 2017 geführt hat.

Die Ausstellung "Psycho Drawing" wurde noch von der interimistischen Direktorin Elisabeth Nowak-Thaller präsentiert, nachdem die scheidende Leiterin Stella Rollig seit Jänner bereits am Wiener Belvedere tätig ist. Wenige Stunden nach der Ausstellungseröffnung wurde die Ernennung von Hemma Schmutz zur neuen Leitung von Lentos und Stadtmuseum Nordico bekannt. Die ehemalige Leiterin des Salzburger Kunstvereins wird ihre Arbeit in Linz demnächst beginnen.