Im "Vianina"-Poster" (2007) übersetzt Nina Simone Wilsmann den Stadtplan in die Sprache der Kunst. - © Wien Museum/Wilsmann
Im "Vianina"-Poster" (2007) übersetzt Nina Simone Wilsmann den Stadtplan in die Sprache der Kunst. - © Wien Museum/Wilsmann

Auf spätmittelalterlichen Gemälden, auch zum Überthema Apokalypse, taucht die Stadt Wien erstmals auf. Der erste Plan aus dem 15. Jahrhundert zeigt nur die wichtigsten Bauten innerhalb der Stadtmauern, er bezieht Pressburg am Rande mit ein und hängt wohl mit einer Hochzeit der frühen Habsburger zusammen. Erst 1609 taucht die erste Vogelschau der Stadt auf in einem Kupferstich aus sechs Platten von Jacob Hoefnagel. Er stellte sich auf einen fiktiven Berg jenseits der Donau; wie der Plan aber genau entstanden ist, bleibt ungeklärt, wahrscheinlich ist die Vermessung von Türmen. Da ohnehin nie alles erfasst werden kann, fällt dieses frühe "Fake" nicht weiter auf. Jeder der Überblicke diente verschiedenen Orientierungen, Machtfaktoren, aber auch der Verwaltung oder ist aus ästhetischen Gründen oder für eine Werbung entstanden.

Schau auf die Stadt

Deshalb haben sich Kunsthistorikerin Elke Doppler und Stadtgeschichte-Forscher Sándor Békési als Kuratoren für vier neue Themengruppen zum analytischen Blick über die Stadt Wien entschieden, um jeweilige Funktionen eines Modells, einer Vogelschau, einer Karte oder eines kritischen Kunstprojekts heute zu erklären. Das ersetzt die Chronologie vom Mittelalter bis heute, denn aktuelle Kunstwerke im Dienste des "Mappings", wie die teils surreal verfremdete Fotografie der Stadt vom Leopoldsberg aus, die Florian Maier-Aichen 2016 inszenierte, entstanden als Auftrag. Das letzte Kapitel "Emanzipieren und Experimentieren" schließt an Hans Holleins utopische Stadterweiterungscollage in Form von gestelzten Felsgebilden himmlischer "Überbauung" von 1960 an und befasst sich mit dem Blick "von unten" durch neue technische Medien, durch Spiele, Publikumsaneignung der Stadt gibt es über Instagram, dazu Satelliten-Navi und Radschleichwege.

In das erste Kapitel "Vermessen und Darstellen" konnte, eingebettet in die passend feingliedrige Ausstellungsarchitektur von the next ENTERprise Architecs, auch das große Stadtmodell von 1852/54 integriert werden. Kombiniert ist es mit einer offenen Rotunde, die das, vom Stephansturm aufgenommene, erste fotografische Rundpanorama von 1860 beherbergt. In vielen der 150 Exponate geht es um Veränderungen wie die Schleifung der Stadtmauern, Verbauung des Glacis und die Planung der Ringstraßenbauten, wobei auch nostalgische Blicke zurück nach Alt-Wien in vielen Medien die befestigte Stadt vor der Moderne ins Licht rücken. Auf der anderen Seite geht es um nötige Stadterweiterung, aber auch Utopien wie Friedrich Kurrents und Johannes Spalts transdanubisches "Wien der Zukunft" 1964.

Blicke vom Hochhaus in der Herrengasse und in Spielfilmen ab 1957 zeigen im Fall von Peter Patzak auch die Negativseiten von Industrialisierung und eintönigem Plattenbau der Nachkriegszeit. Für die Weltausstellung gab es erste Werbepanoramen, Geschirr mit Veduten, aber auch Karten mit Kaufhäusern, wie das zweite Kapitel, "Repräsentieren und Idealisieren", vorführt. Es beginnt mit einem Bild scheinbaren Friedens, 1740, nach den Türkenbelagerungen, von Christian Hilfgott Barand von der Rossau aus gemalt.

Identität schaffen

Nostalgien werden von Fakten wie den militärischen Aufmarsch- und Verteidigungsordnungen der Türkenkriege und geheimen Quartieren und Flugrouten der Bomber im Zweiten Weltkrieg im dritten Kapitel, "Beherrschen und Ordnen", abgelöst. Die Grenzen zwischen Kunst und Geschichte sind, wie zwischen den Kapiteln fließend, doch bleibt die Beleuchtung einzelner Aspekte gut ablesbar.

Stadtveduten waren nie präzise Abbilder, sondern Identität stiftende Konstruktionen. Dazu kommen Bildern von Katastrophen und der Blick von den Hausbergen. Vollständigkeit gibt kein Themenkreis vor. Oskar Kokoschka schuf für das Rote Wien 1931 eines seiner Panoramen, wohl auf Empfehlung von Hans Tietze, der als Vertreter einer modernen Kunstgeschichte die Stadt 1938 verlassen musste. Der Stadtraum als Erinnerung, kartografiert aus Briefzeilen jüdischer Mitbürger an ihre Familien in den USA, wurde von Nikolaus Gansterer 2013 zur eindrucksvollen "Memory Map" geklebt.