• vom 24.03.2017, 17:25 Uhr

Kunst

Update: 24.03.2017, 18:02 Uhr

Ausstellungskritik

Auf verbotenen Pfaden




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Das Leopold Museum wagt den Vergleich von Carl Spitzweg und Erwin Wurm: "Köstlich! Köstlich?"

Porträts resignierter Bürger und gebrochener Charaktere: Carl Spitzwegs "Der strickende Wachposten", 1855. - © Georg Schäfer, Schweinfurt Foto

Porträts resignierter Bürger und gebrochener Charaktere: Carl Spitzwegs "Der strickende Wachposten", 1855. © Georg Schäfer, Schweinfurt Foto

Im ersten Moment scheint die Gegenüberstellung etwas willkürlich: Carl Spitzweg (1808 - 1885) und der 1954 in Bruck an der Mur geborene Erwin Wurm.

Einerseits ein Maler von komischen Spießbürgern, Sonderlingen, nostalgischen Alpenpanoramen und Stadtansichten, andererseits der Vertreter Österreichs auf der Biennale von 2017 in Venedig, der den Begriff Skulptur konsequent erweitert. Erwin Wurm eröffnete sich das Konzept von Kurator und Direktor Hans-Peter Wipplinger erst bei genauerer Analyse der subversiven Aussagen in den biedermeierlich anmutenden Gemälden des Münchner Autodidakten.

Information

Ausstellung
Carl Spitzweg - Erwin Wurm Köstlich! Köstlich?
Leopold Museum
Wh.: bis 19. Juni

Spitzweg, dem die Schau 132 Jahre nach seinem Tod gewidmet ist, war zwar oft in Wien auf Besuch, bekam aber nach 1945 bis jetzt keine Personale in hiesigen Museen. Die Frage, woran das liegt, diskutiert bereits Gemeinsamkeiten durch den Begriff "Generation Biedermeier" des 21. Jahrhunderts, den ein Marktforschungsinstitut und nicht die Philosophie 2010 konstatierte.

Ansichten eines Spießbürgers

Das Kritisieren ähnlich konservativer Gesellschaftsphänomene wie nach der Französischen Revolution und dem Wiener Kongress im Überwachungsstaat mit Rückzug in die eigenen vier Wände führt als Auftakt in das viel zu enge "Narrow House" von Wurm. Es ist die monumentalste von 15 Interventionen, die den Humor als Reflex der Künstler auf scheinbare unvermeidliche Zustände hervorhebt. Das schräg gestellte Eigenheim zum Durchkriechen lässt zwei Winkel frei, in denen die malerischen Studien Spitzwegs und seine teils karikaturhaften Zeichnungen neben Sozialstudien damaliger Bettler und Trinker zu finden sind.

Er porträtierte vor allem die resignierenden Bürger und gebrochenen Charaktere nach 1848, die glücklich ihre Balkonblumen gießen, Kakteen züchten, sich einem halbwissenschaftlichen Hobby hingeben oder in Wald und Wiesen jagen. Damals war das Privileg des Adels auf die Jagd aufgehoben worden, jeder Spießbürger konnte auf die Pirsch gehen, was Spitzweg in bizarren Unfallstudien kommentierte.In einem Kapitel wird die Jagd behandelt, ein anderes beleuchtet hedonistische Eremiten beim Braten von Hühnern und beim drohenden Bruch des Zölibats, ein weiteres Obrigkeitsgläubigkeit sowie die Langeweile der vielen Wachtposten.

Strickende Männer und Hypochonder ergänzen die erotischen Wunschvorstellungen einsamer Kakteenzüchter. Gebogen aber blühend, kommen die stacheligen Früchte der "Lust-, Sehnsuchts- und Vergänglichkeitsbilder" Wurms vielteiliger Installation "Selbstporträt als Essiggurkerl" von 2008 formal tatsächlich nahe.

Bitterböse Karikaturen

In Wien fand der vielgereiste Spitzweg sein bekanntestes Motiv: "Der arme Poet", wohl in Gestalt seines Bruders. Dazu hat er Stücke von Ferdinand Raimund und Johann Nestroy gesehen, die ihn anregten für die "Fliegenden Blätter" in München, mit seinem Freund Moritz von Schwind und Wilhelm Busch hinterließ er böse Karikaturen über verlogene Religion, Doppelmoral und falsche Wissenschaftsgläubigkeit.

Die abwegigen Pfade der Spießer zeigen sich bei ungleichen Paarungen in als Putzmachersalons getarnten Bordellen wie im Weizenfeld. Da Spitzweg als Literat und Schauspieler dilettierte, werden seine meist banalen Reime gnadenlos den poetischen Handlungsanweisungen Wurms zur Seite gestellt: "Das Wissen ist ein schöner Schrein, die Kunst legt erst den Schatz hinein." Er war studierter Apotheker, der erst 1833 über Münchner Maler wie Eduard Schleich und Carl Rottmann sowie über seine vielen Bildungsreisen in europäische Museen von Paris, Rom bis Berlin zu seinem Beruf fand.

Weder Maler noch Schulmeistertypen entkamen seiner Bilderkritik - ob "Die gefährliche Passage" mit grell türkisem Himmel selbstironisch gemeint war, lässt sich nur vermuten - jedenfalls blickte Spitzweg freundlich auf seine einsamen Sonderlinge wie 1850 auf den "Bücherwurm". Dieser klemmt gefährlich Bücher zwischen seine Arme und Beine, obwohl er auf der Leiter steht.

So instabil ist auch die heutige Erfahrung für das Publikum in der ähnlichen Verwandlung zu einer "One Minute Sculpture" Wurms, in der es um Einklemmen von Philosophenwerken geht, die man schätzt. Spitzwegs Astrologe als Dummkopf spielt nicht nur auf die Esoterik an, auch an den sich verbiegenden Theoretikern lassen beide Künstler kein gutes Haar: Wurms Wittgenstein korrespondiert zur "Ur-Unform" seiner Großkartoffel, die alle Heimatgefühle gegen die Wand fährt. Eine Ausstellung zum Begreifen neuer Welten durch die Ironie oder auch nur ein Witz, der spitz im Sturm über heute gängige Museumskonzepte fegt.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-03-24 17:30:10
Letzte Änderung am 2017-03-24 18:02:48


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