Die Tore der Hölle sind geöffnet. Zuerst der Beschuss aus Kanonen, die der Satan so konstruiert hat, dass kein Nachladen nötig ist. Dann kamen die Sichelwagen, sie schnitten den Pferden die Beine ab und trennten die menschlichen Körper in der Mitte entzwei. Die Soldaten stapfen durch einen Matsch aus blutgetränkter Erde. Und jetzt ist dem Schlund der Hölle ein Monstrum entstiegen, rund, dem Panzer einer Schildkröte nicht unähnlich. Langsam bewegt es sich auf die Soldaten zu. Es hat kein Gesicht. Nichts gibt es, worauf man zielen könnte. Die Soldaten schießen auf das Monstrum, ohne eine bestimmte Stelle ins Visier zu nehmen. Doch die Kugeln prallen von den schrägen Oberflächen ab. Das Monstrum schießt in alle Richtungen, pausenlos. Stehen Dämonen oder Menschen hinter den Kanonen? Und nun beginnen, für die eigenen Kanonen in unerreichbarer Ferne, lange Arme zu schwingen, Riesen der Vernichtung: Die Katapulte schleudern Brandsätze weit über das Monstrum hinweg. Flucht ist jetzt sinnlos. Die Geschosse fliegen weiter, als die Beine tragen. Die Soldaten lassen die Arme sinken, sie akzeptieren ihren Tod und beten nur noch, er möge sie schnell ereilen.

Zwei Seiten eines Genies?

So ungefähr sähe das Szenarium einer Schlacht aus, wären nur ein paar jener Kriegsgeräte zum Einsatz gekommen, die Leonardo da Vinci entworfen hat. Das Lächeln der Mona Lisa und das erste Maschinengewehr der Geschichte - wie ist das in Einklang zu bringen? Zwei Seiten eines Genies? Oder ein Genie, das seine darstellerische Kraft auslebte, ohne zwischen Frauenporträt, Letztem Abendmahl und Kriegsmaschine zu unterscheiden?

Wir müssen uns von liebgewordenem Denken verabschieden. In unserer Zeit ist meist Intellekt mit Pazifismus kombiniert. Natürlich fühlt man sich wohl, wenn auch der Mona-Lisa-Maler Pazifist war. Tatsächlich ist das fast mühelos hinzukriegen. Bei genauem Hinsehen erkennt man nämlich in den Entwürfen der Kriegsgeräte Fehler. Zum Beispiel funktioniert das Antriebssystem des Panzerwagens (auf der Illustration abgebildet) nicht: Die Kurbel würde die Räder in entgegengesetzte Richtungen drehen. Das gibt den Pazifisten Auftrieb. Leonardo, sagen sie, habe absichtlich Fehler in seine Tötungsmaschinen eingebaut, damit sie nicht funktionieren. Die Mona Lisa lächelt selig zum wiederhergestellten Wohlbefinden.

Oder ist es ein spöttisches Lächeln? - Weil sie weiß, dass es ganz anders war? Leonardo lebte in einer Zeit, die von Patentrechten nichts wusste. Geld machen konnte er nur, wenn er den Plan der Kriegsmaschine verkaufte, und noch mehr Geld bekam er, wenn er sie auch selbst baute. Also schmuggelte er Fehler in seine Konstruktionszeichnungen und verfasste die Beschreibungen in schwer entzifferbarer Spiegelschrift. Damit stellte er sicher, dass er selbst beim Bau unersetzlich war. Nur die Tatsache, dass seine Maschinen nie zum Einsatz kamen, behütet ihn davor, heute als Konstrukteur von Massenvernichtungswaffen dazustehen. Leonardo, der Kriegsgewinnler - das ist unbequem zu denken. Der Wohlfühlfaktor würde auf den Tiefststand fallen.

Dennoch wäre es so gekommen, wenn sich die Renaissancefürsten, denen er diente, die Waffen im Einsatz hätten vorstellen können oder sich von ihnen einen Vorteil versprochen hätten. Ihre Fantasie reichte offenbar nicht aus.

Die Psychologie der Waffen

Sie waren eben Pragmatiker der Kriegstechnik. Waffen mussten verletzen und töten. Leonardo indessen wusste um die psychologische Wirkung der Waffe.

Tatsächlich sind Angst und Schrecken oft die halbe Wirkung einer Waffe. Das wusste Hannibal, als er Rom mit Kriegselefanten angriff, obwohl die Schnelligkeit von Pferden effektiver gewesen wäre. Das wusste Hitler, als er Sirenen an seine sonst wenig effektiven Sturzkampfbomber montieren ließ: Pro Maschine konnten sie gerade einmal eine Bombe tragen, aber wenn das Flugzeug mit jaulender Sirene wie ein Raubvogel gerade nach unten aus dem Himmel stürzt, hat das einen Effekt, der dem "Stuka" bis heute einen Sonderplatz in der Geschichte des Luftkriegs sichert. Das wussten die Konstrukteure der Atombombe, als sie zum ersten Mal in der Geschichte eine Waffe bauten, die das System von Aktion und Reaktion, von besserer Waffe und besserem Schutz vor ihr, das Jahrtausende hindurch gegolten hatte, durchbrachen und eine Waffe schufen, gegen die sich kein Abwehrsystem finden ließ und vor der es keinen Schutz gab.

Ähnlich intendierte Leonardo die psychologische Wirkung seiner Waffen: Natürlich wären seine Mehrfachgeschütze allein schon wegen des vervielfachten Rückstoßes denkbar ungenau gewesen, doch wie verheerend wäre ihre Wirkung auf den Verstand der gegnerischen Soldaten ausgefallen, die Kanonen gesehen hätten, die permanent feuern konnten, oder Kanonen, die zwar nicht auf ein konkretes Ziel ausrichtbar gewesen wären, aber ein ganzes Feld bestreichen hätten können.

Dennoch sei Leonardo auch als Waffenkonstrukteur in Schutz genommen. Krieg hatte zu jener Zeit einen anderen Stellenwert, als wir ihm heute beimessen. Für unsere Einstellung zum Krieg bedurfte es des Dreißigjährigen Krieges und zweier Weltkriege, die das bis dahin lustvoll-gefährliche Abenteuer der Hölle als ihren zehnten Kreis hinzufügten.