Ambivalente Korrespondenz zum altmeisterlichen Bild: Fotograf Oliver Mark, im Bild: "Natura Morta #48", 2016. - © Oliver Mark
Ambivalente Korrespondenz zum altmeisterlichen Bild: Fotograf Oliver Mark, im Bild: "Natura Morta #48", 2016. - © Oliver Mark

Schon im Vorfeld gab es die Warnung einer Kollegin vor den Fotografien Oliver Marks und sie trifft ins Schwarze betreffend einer Ästhetik des schönen Scheins, der Ekel erzeugt.

Doch den will der 1963 in Gelsenkirchen geborene Künstler, der sich mit Schwarzweiß-Porträts bekannter Persönlichkeiten einen Namen gemacht hat, mit seiner Serie "Natura Morta" auch auslösen. In Wien ist die subtil an den Rand barocker Repräsentation inszenierte Serie von Farbfotografien im Korridor der Gemäldegalerie mit niederländischen Stillleben konfrontiert, im Naturhistorischen Museum in drei Sälen mit Tierpräparaten, die auf das Artensterben hinweisen.

Vergänglichkeit

Hatte die Moderne als raue Geste die Moral ausgeklammert, kehrt hier die Sprache aufklärerischer Vernunft, verbunden mit Moral, in den Bereich der Kunst zurück. Das war im bürgerlichen Holland im 17. Jahrhundert bereits ein die Kunst bestimmender Faktor, allerdings verbunden mit den meist kalvinistischen Entsagungen religiöser Vorstellungen: Üppige Stillleben mit Jagdtrophäen oder Früchten und Tieren aus Übersee galten nicht nur der Zurschaustellung wirtschaftlicher Macht, sondern auch dem dialektischen Hinweis, dass der Tod in allem irdischen Reichtum mitschwingt.

Im flämischen Teil der Niederlande hatte die Gegenreformation ihre Moralvorschriften in den Gemälden ebenso sichtbar hinterlassen. Die Vergänglichkeit des Lebens ständig zu bedenken, war Künstlern beim Malen der toten Natur ein besonderes Anliegen, denn mit der Haltbarkeit ihrer Bilder lehnten sie sich auch dagegen auf. Mark übernimmt den Widerspruch der "Natura Morta" aus der Barockmalerei und inszeniert speziell darauf abgestimmt - das beginnt mit der Lichtführung und Farbgebung des Hintergrunds und setzt sich in der Wahl seiner Bildgrößen, Ausschnitte und Komposition fort. Zudem sind seine historischen Rahmen auf die jeweiligen Sujets abgestimmt und gehen über das 19. Jahrhundert zurück bis in Barock und Renaissance. Der Fotograf erwirbt sie bei Auktionen bis nach Spanien und spielt auch mit dieser dekorativen Korrespondenz zum altmeisterlichen Bild.

Er lädt die Gefühle anhand von kostbarer Wirkung auf und verdeckt im ersten Blick ganz bewusst die Herkunft seiner großteils exotischen Gegenstände aus der Asservatenkammer des bundesdeutschen Zolls in Bonn. Luxusgüter sind beliebte Faktoren einer Diskussion um den "Raubtierkapitalismus". In der Gemäldegalerie ist aber die erste Assoziation immer noch dem Ästhetischen und vor allem dem Vergleich mit den barocken Gemälden aus dem Rubens-Umkreis, von Abraham van Beyeren, Jan Weenix oder Willem van Aelst verbunden - erst der zweite Blick führt weiter.

Kunstdidaktik neu

Im Naturhistorischen Museum stellt sich der Ekel viel schneller ein. Marks Bühneninszenierung für jeden Leoparden-Schädel, hängende Felle, abgeschlagene Nashörner, Federnschmuck, Schildkrötenpanzer, Elefantenfüße, Schlangenschuhe und Krokotaschen nähert sich mit spotartig intensivem Lichteinfall von links in eine relativ dunkle Kammer dem Großmeister barocker Helldunkelbühnen, Caravaggio an.

Fotografie hat die "Augentäuschung" (Trompe l’oeil) der alten Gemälde abgelöst, ihre Warnung haben wir lange nicht mehr ernst genommen, doch begonnen die gesellschaftlichen Strukturen dahinter freizulegen: Denn nur dem Adel stand die Großwildjagd zu, die Bürger mussten sich mit Singvögeln begnügen. Dazu hat sich langsam ein Nachdenkprozess entwickelt und erst seit den 1980er Jahren ist der Elfenbeinhandel verboten und stehen 35.000 Tier- und Pflanzenarten unter Schutz.

Doch Haifischflossensuppe, Schlangenschnaps und Tigerbalsam leben in magischen Praktiken weiter. Keine Fotografien zum Mögen also, eher zur Diskussion über neue Kunst-Didaktik.