Sollte keine Opern-Kulisse sein: "Farbensprung" aus 1979. - © Musa
Sollte keine Opern-Kulisse sein: "Farbensprung" aus 1979. - © Musa

Der 1932 in Tschechien geborene Jorg Hartig studierte nach Besuch der Ortweinschule Graz bei Albert Paris Gütersloh an der Wiener Akademie. Er kann als einer der wenigen Vertreter der Pop-Art in Österreich gelten, wobei das bei ihm völlig anders aussieht als im Frühwerk Martha Jungwirths, Wolfgang Denks und Christian Ludwig Attersees. Hartig interessierte die Bewegung, egal ob es um Sportler, Autos, Flieger, Stadtlandschaften oder banale Eisbecher und Wasserlacken ging. Deshalb wirken die monumentalen Formate oft wie rein abstrakte Kompositionen. Doch diese sind bei ihm selten: Auch für Meditationen und Sinnbilder sind reale Anregungen aus seiner Umgebung Anlass.

2010 hat der Künstler seinen Vorlass von etwa 400 Gemälden, die ab 1966 mit dem neuen Malmaterial Acryl realisiert wurden, dem Musa übergeben. Außer einer großen Schau 1986 in der Secession und einigen Bildern, die danach in hiesige Museumssammlungen gingen, hat sich der Künstler von Kunstmarkt und Öffentlichkeit ferngehalten. Schon in frühen spätkubistischen und einigen wenigen informellen Arbeiten, hat seine Ölmalerei spezielle Akzente; zwei weibliche, vielfach zerlegte Figuren in einem lila Farbton heißen "Im Neonlicht" oder ein aus Teerschwarz in Ocker und weiß wie eine Rose leuchtende ovale Konzentration ist eine "Pfütze". Die Lichtpunkte von "Donaukanal nachts" verblüffen wie die an Markus Prachensky erinnernden Farbrinnen in Blaugrün und Braun auf Grau von 1960, die jedoch den flimmernden Bildschirm eines "Fernsehers" beschreiben.

Während eines Aufenthalts in der steirischen Künstlerkolonie Retzhof kam 1966 der Schwenk in die farbstarken Acrylfarben auf Grundierungen aus Dispersion, was eine größere Schnelligkeit in der Überarbeitung von Malschichten und eine starke Leuchtkraft der Farben mit sich bringt. Von seiner USA-Reise erzählt Hartig weniger von einer Begegnung mit den Pop-Art-Künstlern in der Kunstszene als von seiner Faszination für das Football-Spiel, für Rennautos und Alltagsmotive. Damit war der typische Hartig-Stil, den er selbst "Realpop" nennt, geboren. Wie die gleichaltrigen Jasper Johns oder Tom Wesselmann, in Europa Wolf Vostell oder Peter Blake, die Wolfgang Drechsler als Vergleich heranzieht, orientiert sich der Maler nur noch an naheliegenden banalen Motiven, das eigentliche Interesse hinter den Sportlern ist ihre rasende Bewegung, die den Körper fast zerschneidet, in Varianten auf die Leinwand zu bannen.

Materialität der Malerei


Faktoren der Zerstörung sind auch in einer Serie von Eisbechern, die im Untertitel "Müll. Straßenmonument" 1976 heißen, Autoblech oder bei den nummerierten "Playern" wichtig. Doch interessiert ihn die Materialität der Malerei, die er sogar mit Stoffcollagen erweitert, und am Ende die optische Sensation. Das holt er selbst aus existenziellen Themen wie seinen "Soldaten" heraus. Deren vorwärtsstrebende Haltung einer sich in Fetzen auflösenden Uniform bildet eine inhaltliche Parallele zu Georg Baselitz‘ negativen "Helden". Man hätte ihm empfohlen, sein grünes "Sinnbild" von 1981 oder seine Streifenbilder als Kulissen in der Oper vorzuschlagen, erzählt der Künstler. Doch das wollte der heute 85-Jährige ebenso wenig für "Farbensprünge" oder für die aufbrechenden Farbschollen seines Spätwerks, die er mit zersprungenem Glas, Kristallen und Lichtbrechungen in der Natur vergleicht. Esoterische Visionen um das Formlose sollte seine Malerei nie sein, sondern reale Beobachtung von Licht und Farben um populäre Motive. Während der Retrospektive werden Werke gewechselt, das Musa schöpft ja aus dem Vollen.

Ausstellung

Jorg Hartig. Realpop.

Eine Retrospektive

Musa

Bis 19. August