Erwin Wurm: "Stand quiet and look out over the Mediterranean Sea", Aussichtsplattform vor dem Pavillon. - © Studio Erwin Wurm, Bildrecht, Vienna 2017
Erwin Wurm: "Stand quiet and look out over the Mediterranean Sea", Aussichtsplattform vor dem Pavillon. - © Studio Erwin Wurm, Bildrecht, Vienna 2017

Venedig.Die Diskussionen über den österreichischen Beitrag zur 57. Kunstbiennale in Venedig waren schon vor der Eröffnung intensiv und kontrovers. Sie begannen mit der Nominierung der Kandidaten durch Kommissärin Christa Steinle. Die konzeptuellen Positionen von Brigitte Kowanz und Erwin Wurm sind derart gegensätzlich, dass eine abgestimmte, sich ergänzende Präsentation auszuschließen war. Die Entscheidung führte jedenfalls zu Interpretationen in den Medien und der Kunstszene, die beim Hinterfragen der Entscheidungshoheit der Kommissärin anfingen und bei untergriffigen Quoten-Frau-Bemerkungen endeten.

Auch in Bezug auf die Finanzierung der Beiträge gingen die Emotionen hoch: Alfred Weidinger, Vizedirektor des Belvederes und künftiger Museumschef in Leipzig beklagte, dass die Finanzierung mit 400.000 Euro lächerlich gering und nicht zeitgemäß sei. Er betonte, dass die Künstler selbst Geld in die Hand nehmen mussten, um ihre Konzepte realisieren zu können. Erwin Wurm hat diese Aussagen in Interviews bestätigt und die Ansicht massiv unterstützt, dass es dem Staat nicht sonderlich interessiert, auf welchem Niveau und welcher Qualität in Venedig unter diesen prekären Bedingungen künstlerisch gearbeitet werden kann. Für ausreichend Zündstoff und Publicity war also im Vorfeld der Biennale gesorgt. Als Reaktion auf die Debatte hat Kulturminister Thomas Drozda nun das Budget auf 500.000 Euro erhöht. Auch eine fixe, extra finanzierte Biennale-Organisationsstruktur soll die finanzielle Situation entschärfen.

Nun wurde der Biennale-Beitrag in Venedig offiziell präsentiert und der Faktencheck stand an. Aufgrund der divergenten Herangehensweisen war eine durchkonzipierte und kuratierte Gemeinschaftspräsentation von vornherein nicht zu erwarten. Für Erwin Wurm wurde der Pavillon von Josef Hoffmann als Spielstätte reserviert. Für Brigitte Kowanz wurde ein eigener Trakt - ein White-Cube aus Holz des Architekten Hermann Eisenköck - in den Garten gebaut. Einige Besucher konnten bei der Eröffnung am Donnerstag anlässlich der Raumaufteilung nicht umhin, süffisant anzumerken, dass jetzt verständlich sei, warum das Budget zu knapp sei, wenn aufgrund der künstlerischen und persönlichen Inkompatibilität erst neue Ausstellungsflächen geschaffen werden müssen. Bemerkungen, die auf der Hand liegen, jedoch bei näherer Betrachtung keinen Bestand haben.

Diesmal ein Lastkraftwagen

Nach Porsche, Häusern (sehr eng oder auf Museumsdächern) oder Segelbooten hat Erwin Wurm nun einen LKW zur Skulptur gemacht. Unter dem Titel "Stand quiet and look over the Mediterranean Sea" steht er kopfüber vor dem österreichischen Pavillon und ist ein weithin sichtbarer Eyecatcher. Auch, weil er Besuchern die Möglichkeit bietet, über eine Treppe, durch das Innere auf eine Aussichtsplattform zu gelangen, um zumindest über das weitläufige Areal der "Giardini" zu blicken. Der Blick auf das titelgebende Mittelmeer geht sich aufgrund der mangelnden Höhe nicht aus und der Künstler fordert die Betrachter auf, sich diesen einfach zu "imaginieren".

"Endlich hat es Österreich geschafft, dass sich auch eine Menschenschlange vor dem Pavillon anstellen muss, um irgendwo hinein oder hinauf zu kommen. Wie bei den Deutschen!", war die lakonische Bemerkung einer Museumsdirektorin zu diesem Beitrag. Im Inneren des Pavillons dominiert Leere. Nicht nur wegen der zahlenmäßig wenigen One-Minute-Sculptures, die Wurm in den Räumen platziert hat, sondern auch wegen der vollkommenen Abwesenheit eines greif- wie diskutierbaren Konzepts hinter der Präsentation. Es entsteht der Eindruck einer kostengünstigen Nostalgieparade der Wurm’schen Erfolgsgeschichte: Natürlich ist es für Besucher des Pavillons kurzweilig und humorig, sich in lebende Skulpturen zu verwandeln, mit den Exponaten zu experimentieren. Während der Eröffnungstage kamen dafür hauptsächlich Komparsen zum Einsatz.

Hat das Konzept der Skulpturen schon kunsthistorische Patina angesetzt? Teilnehmer der internationalen Kunstkarawane waren schon in Metropolen rund um den Globus willige und freudige Performatoren und Statisten für Wurms One-Minute-Sculptures. Es kann nicht nur am Budget gelegen haben, dass in der Präsentation nichts Neues, kein ironischer Ansatz oder irgendwie Herausforderndes zu finden ist. Es bleibt ein recht schaler, uninspirierter Nachgeschmack zurück.

Schärfe-Unschärfe-Relationen

Brigitte Kowanz hingegen macht mit ihrer Präsentation "Infintiy and Beyond" das Beste aus ihrer improvisierten räumlichen Zuteilung: An der Stirnseite des Raumes eine überdimensionale, fünfteilige Spiegel-Neonlicht-Installation, die geschickt sowohl mit dem Effekt der Schärfe-Unschärfe-Relationen, als auch mit der Auflösung von Schriften und Texten spielt. Die Arbeit der Lichtarchitektin zielt darauf ab, dass der Betrachter Teil der Installation wird. Die Art der Installation wäre ein realisierbarer Ansatz gewesen, die beiden Positionen ausstellungstechnisch miteinander zu verbinden. An der Seitenwand eine dreiteilige, querformatige Arbeit, die gelungen mit dem Begriff der Unendlichkeit spielen. Kowanz‘ Auftritt wird im Außenbereich mit einem Schriftzug mit dem Ausstellungstitel beendet. Sehr gut konzipiert, poetisch und sehenswert. Diese Biennale-Beiträge Österreichs werden durch die enormen Gegensätzlichkeiten charakterisiert: Auf der einen Seite die Schau eines Erwin Wurms mit fehlendem Esprit, auf der anderen Seite die klaren, poetischen Lichtinstallationen von Brigitte Kowanz.