Wien. "Wenn die Leute zuhören sollen, reicht es nicht, ihnen einfach auf die Schulter zu tippen. Man muss sie mit dem Vorschlaghammer treffen." Die Worte stammen aus dem Psychothriller "Sieben", dort äußerst sie der düstere John Doe. Man könnte sie aber auch auf das Schaffen von Jonathan Meese münzen. Der Mann deutsch-britischer Herkunft provoziert zwar nur durch seine Kunst. Das aber gewaltig. Der Hitler-Gruß gehörte in der Vergangenheit ebenso zu seinen Performances wie das Anschreien des Publikums, dem sich Meese als Heilsgestalt des "totalen Theaters" oder der "Kunstdiktatur" zu erkennen gab. Ein Bürgerschreck - aber auch eine Lockung für Kunststätten mit Wagnisbedarf.

"Chef der Kunst": Die Büste schaut finster, aber weint vor Glück. - © Jan Bauer/Galerie Krinzinger
"Chef der Kunst": Die Büste schaut finster, aber weint vor Glück. - © Jan Bauer/Galerie Krinzinger

Wie die Bayreuther Festspiele. Sie betrauten Meese 2012 mit einer "Parsifal"-Regie für das Jahr 2016 - was Sinn ergab, da auch Wagners "Bühnenweihfestspiel" der Kunst Allerhöchstes zutraut, nämlich die Erlösung der Menschheit. Einige Zeit und Skandale später erlöste sich Bayreuth aber von Meese. Dessen Regie-Konzept sei zu teuer, so die Begründung. Der Künstler wetterte gegen "Kulturarschkriecher".

Skandalschnee von gestern - hätte ihn Tomas Zierhofer-Kin, der neue Leiter der Wiener Festwochen, nicht konserviert und weiterentwickeln lassen. Er hat für seinen ersten Festival-Jahrgang beim Komponisten Bernhard Lang eine zeitgenössische Parsifal-Vertonung bestellt und die Regie in Meeses Hände gelegt: Premiere des Resultates ist am 4. Juni im Theater an der Wien. Meese ist derzeit aber auch im Kunsthistorischen Museum aktiv: Das Haus ist (in Zusammenarbeit mit der Galerie Krinzinger) eine Kooperation mit den Festwochen eingegangen und zeigt ab sofort Bilder und Objekte des Künstlers in der Gemäldegalerie.

Kunst soll Demokratie ablösen

Überraschend, wie sich der Mann mit dem wallenden Haar und der Adidas-Jacke am Freitag im KHM präsentierte. Als Bürgerschreck? Nein, Sonnenschein. Den rechten Arm hob der fröhliche 47-Jährige nur, um zu winken oder seinen Daumen zu heben. Und statt die Gegner seiner Weltsicht anzuknurren - für Meese gehören sämtliche Ideologien entsorgt, nur die Kunst beschere Segen -, stellte er leutselig seine Werkauswahl für das Museum vor.

Als da wären: Drei schlierige Großformate, die sich zwischen die Kinderporträts des Diego Velázquez gedrängt haben. Für das Auge ein schroffer Bruch, für Meese aber ein Nebeneinander mit Bezügen: Jedes Werk von ihm zeigt eine geometrische Form, die sich auch auf dem Nachbarbild findet. Ein Kreis etwa. Ein Quadrat. Ein Dreieck, "ein bisschen Toblerone". Nur logisch: Meese macht Kunst nicht an Virtuosität fest. In mehrere Vitrinen hat er handgeschriebene Notizzettel gesteckt. Garniert mit Alltagsgegenständen, kommt ihnen die Funktion von Manifesten zu. "Kunst = Barbarella", "Kunst = Barbapapa", ist darauf etwa zu lesen. Seine Werke, meint Meese in einem seiner wolkigen Statements, seien hier gelandet wie ein "Raumschiff". Als Kommandobrücke kann man dann wohl eine Büste betrachten. "Der Chef der Kunst (die vier süßesten Erzelemente de Large)" heißt sie und zeigt einen grimmigen Janus, der weint. Das seien aber "Tränen des Glücks, dass man Künstler sein darf." Dieses Glück ließe sich für Meese, den gut gelaunten, aber eben doch radikalen Querdenker, noch steigern: "Ich sehe die Staatsform Kunst schon vor mir, sie soll die Demokratie ablösen."

Ob das kommt, ist zwar fraglich. Die ersten Festwochen des Tomas Zierhofer-Kin, am Freitag mit einem Festakt auf dem Rathausplatz eröffnet, bescheren der Stadt jedenfallsbis zum 18. Juni einen Zuwachs unbekannter Kunstobjekte. Bis dahin bleibt auch Meeses "Raumschiff" im KHM.