Ahmet Ögüt lässt Besucher nach Diamanten graben. - © Ahmet Ögüt
Ahmet Ögüt lässt Besucher nach Diamanten graben. - © Ahmet Ögüt

Die Kolonialzeit mit ihren Entdeckern, Unterwerfern und Ausbeutern gilt manchen Analysten als der zentrale Ausgangs- und Angelpunkt vieler globaler Missstände und Problemzonen - von der Flüchtlingskrise bis hin zu zahlreichen wirtschaftlichen und kriegerischen Auseinandersetzungen. Meist dominiert in der Sicht auf diese Epoche der Blick des Westens - auch in der Kunst. "Dabei stülpen wir unsere Meinungen sowie politischen und emotionalen Muster über die Welt", analysiert Tomas Zierhofer-Kin.

Um mit genau diesem Mechanismus zu brechen, um andere Blickwinkel einzunehmen hat der neue Festwochen-Intendant das Format der Ausstellung reaktiviert und internationale Künstlerinnen und Künstler eingeladen, ihre Positionen zum Thema Kolonialismus im Rahmen des Festivals zu präsentieren. Das Resultat ist eine abwechslungsreiche Folge an Installationen und Videoarbeiten, die trotz der unterschiedlichen Mittel, Stile und Humorverständnisse ein stringenter roter Faden verknüpft.

Gold, God und Glory - diese drei Motive standen für Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung im Zentrum seiner Auseinandersetzung mit den Entdeckungs- und Eroberungstätigkeiten vom 14. bis ins 19. Jahrhundert. Ihm ging es in seiner Auswahl an Positionen jedoch nicht um Hinweise mit erhobenem Zeigefinger, sondern darum "was es mit uns gemacht hat". Vielleicht habe ja auch Amerika Columbus entdeckt und nicht umgekehrt, scherzte er.

Episches Filmporträt : John Akomfrah studiert die Ausgangslage der Kolonialzeit im England des 16. Jahrhunderts. - © Smoking Dogs Films; Lisson Gallery
Episches Filmporträt : John Akomfrah studiert die Ausgangslage der Kolonialzeit im England des 16. Jahrhunderts. - © Smoking Dogs Films; Lisson Gallery

Wie variantenreich und vor allem sinnlich erlebbar der Blick auf die bis heute sichtbaren Folgen der Kolonialisierung sein kann, zeigen die sechzehn Installationen: Da lässt sich ein kunterbunt eingerichtetes Pfahl-Haus von Marco Montiel-Soto erkunden, dessen Vorbild sich am venezolanischen Maracaibo-See findet - mit schwarz bemalten Heiligenfigürchen, Volksmärchen und Hängematte. Gleich daneben kann die viel zu selten erzählte und erschütternde Geschichte des Widerstandes gegen die Landnehmer erforscht werden: Zwischen aus Lehm geformten Ziegeln und Klumpen - sie dienten neben Zaubersprüchen und Steinen oft als einzige Waffen - dokumentiert Dineo Seshee Bopape Momente des Widerstandes in Afrika vom 15. Jahrhundert bis heute. Als heilsbringende Entwicklungshelfer sahen sich bekanntlich vor allem die Entdecker selbst - und tun es zuweilen bis heute.

Neues Festivalzentrum mit altem Industriecharme

Diese Arbeiten sind das sinnliche Zentrum des Ausstellungsteiles im Performeum - dem neuen Festvalzentrum der Festwochen. Die frühere ÖBB-Lagerhalle hinter dem Hauptbahnhof steht Zierhofer-Kin für die nächsten drei Ausgaben der Festwochen zur Verfügung. Die großen Hallen mit kargem Industrie-Charme beherbergen neben der Ausstellung die Performances und Lectures, die alle vertretenen Künstler beisteuern, sind aber auch Location für Partys und Veranstaltungen wie Hamamness oder "House of Realness".

Der zweite und umfassendere Teil von "Conundrum of Imagination" ist im Leopold Museum untergebracht. Hier lässt Ahmet Ögüt die Museumsbesucher zu Schatzsuchern werden, die in einem riesigen Haufen Kohle mit Stiefeln, Schutzanzug und Schaufel bewaffnet nach einem Diamanten graben können. Cineastische Umsetzung einer intensiven Recherche ist "The Trouble with Palms" von Filipa César, wobei sich die portugiesische Filmemacherin mit einer deutschen Palmöl- und Rüstungsfabrik näher auseinandergesetzt hat. Ebenfalls filmisch ist das Porträt von John Akomfrah, der das England des 16. Jahrhunderts beleuchtet und damit auf den Spuren der Ausgangszeit des Kolonialismus und der Schaffung einer "Neuen Welt" wandert. Jean-Pierre Bekolo zeichnet daneben seine Aufarbeitung des frühen Kolonialismus in Kamerun aus einer zeitgenössischen afrikanischen Perspektive neu.

Die künstlerischen Um- und Auseinandersetzungen sind insgesamt höchst unterschiedlich: Vom eher locker-ironischen Zugang von Naufus Ramirez-Figueroas in "Babylonian Fantasy", die das Mormonentum in Guatemala mit Verschwörungstheorien und außerirdischen Würmern zusammenführt, dann wieder recht konkret und stark auf Archivmaterial zugreifend, wie Mathieu Kleyebe Abonnencs Filminstallation "The Night Readers", die sich der surinamischen Revolution annimmt.

Als einen "Essay mit vielen Fußnoten" bezeichnete der Kurator selbst die Schau, in Form einer künstlerisch aufbereiteten, kurzweiligen Lehrstunde in Sachen (Kultur-)Geschichte, möchte man ergänzen. Ob sich dem Besucher all die teils spannenden, teils humorvollen, immer jedoch vielschichtig kritischen Subtexte der Arbeiten über das Begleitheft und die spärlichen Saaltexte erschließen, ist zumindest zu hoffen. Sie kommen dafür vielleicht in den Genuss eines sehr vergänglichen, augenzwinkernd mit Kanibalismus spielenden Werks, das bei der Vorbesichtigung noch nicht gereicht wurde: Eis am Stiel in Form von Körperteilen - selbstredend in diversen Hautfarben und Geschmacksrichtungen.