Die derzeitige Krise der Politik als Chance für kulturellen Austausch zu nutzen, die Kunst als Dialog, als Distanzraum, mit einer bestimmten Auswahl internationaler Positionen zu thematisieren: Das versucht die Kunsthalle mit "How To Live Together" auf beiden Ebenen im Museumsquartier. Ein Unterfangen, gar nicht unähnlich der Festwochenschau, das aber ältere Positionen von Jan Bas Ader, Yvonne Rainer oder Rosemarie Trockel mit Gelitin, Mohamed Bourouissa, Kader Attia oder Binelde Hyrcan vereint. Der in Paris und Nizza lebende Hyrcan lässt in seinem Film "Cambeck" in seinem Geburtsort Luanda (Angola) 2010 vier Knaben in einem in den Sand gebauten Fahrzeug übers Meer blickend Utopien eines besseren Lebens entwerfen. Denn die zweitteuerste Stadt der Welt erzeugt enorme Schattenseiten für viele, die unter der Armutsgrenze leben.

Blumen der Diversität

Alle Besucherschichten ansprechen will das als Empfang vor der Ausstellung dienende Community College. Dabei geht es nicht mehr nur um Führungen durch die Schau, sondern um kollektives Debattieren, Lernen und Verlernen, Spazierengehen und Austausch von Kooperationen und Netzwerken für alle. Hier baute das Studio Miessen (London/Berlin) großzügige Sitzgelegenheiten, Podien, Kleinbühnen - nicht alle schwarzen Displayelemente wirken einladend für einen längeren Aufenthalt, der bei etwa 35 Positionen nötig ist. Auch die Ruine oder stufenförmige historische Auditorien sind zitiert. Filmarbeiten werden auf an Ketten eingehängten Platten präsentiert, die Auswechselbarkeit der Elemente versucht sich als reaktives Moment, eine Gesellschaft im Wandel widerzuspiegeln. Im Erdgeschoß empfängt ein Blumenstrauß von Willem de Rooij aus 95 Blumenarten, die für Diversität und Gleichwertigkeit stehen. Nicht eine Farbe soll vorherrschen, und doch baut sich durch das alte Vergänglichkeitssymbol mit "Bouquet V" eine besondere Spannung auf, denn das Arrangement bleibt so subjektiv wie die ganze Ausstellungsauswahl. Eine Welt, die nicht die gleiche ist, hat doch Zeichen wie auch Klischees von Schönheit und Vergänglichkeit, die wir alle teilen - hier erstellt nach einer Liste. Ein bekanntes Zeichen ist Angela Merkels Raute der Hände, es dient als Signet auf Folder und Begleitheft. Sie sitzt auch im schwarzweißen Fotoblock Herlinde Koelbls vor uns, deren Hauptarbeit Aufnahmen in Flüchtlingsquartieren jenseits der Schlagzeilen 2016 zeigt. Taus Makhacheva integrierte sich als Zufallsgast in Hochzeitsfeste aller Schichten und Religionsgemeinschaften in der Stadt Machatschkala in Dagestan - damit trifft sie Empathie durch Kunst unmittelbar. Ihre Mitnahmefotos sind auch Kunst zum Teilen, hier noch analog.

Leon Kahane lässt das Wort "ewig" in einen Teppichflor einschreiben, immer neu, denn ein Wischer mit dem Staubsauger kann es wieder entfernen. Bourouissa verweist nicht nur mit der Fotoserie "Périphérique" auf die Utopie des Fotografen August Sander - dessen "Menschen des 20. Jahrhunderts" repräsentierten die europäische Gesellschaft um 1930 in 45 Mappen. Tina Barney blickt in die Upper Classes, hier und in den USA, "Theater of Manners" entstand 1992 bis 2007. Welche Fehler die heutige Sicht macht, samt Aussparung einer Erklärung wieder verwendeter Methoden und Slogans, ist nicht Teil der selbstkritischen Debatte. Anders Zusammensehen bildet aber noch immer einen "Denkraum der Besonnenheit" wie ihn Aby Warburg vor Sanders Fotos vorgeschlagen hat.

Im Obergeschoß empfängt Goshka Macugas Android, ein Roboter-Performer, der bewegt Zitate zum Humanismus aus Schriften Paul Austers, aus Reden Martin Luther Kings vorträgt, weiters hat er etwa Hannah Arendt, Friedrich Nietzsche oder Charlie Chaplin im Programm. Die wirklich partizipative Kunstgeste weltweiten Teamworks stellen die Skulpturen aus vielen Materialien von Gelitin dar, die 2013 in Berlin entstanden sind. Publikum und Gäste waren ebenso involviert wie Gerwald Rockenschaub oder Douglas Gordon. Wolfgang Tillmans Plakate gegen den Brexit oder "Information Posters" von Liam Gillick dürfen hier nicht fehlen, genauso wenig Rainers postmoderne Nicht-Manifeste zum Tanztheater. Dazu eine passende Auswahl für ein Gegenüber bekannter Namen zu postkolonialen Konzepten, aber so subjektiv wie Kaspar De Vos "Native Kitsch and Spiritual Ravers", ein wilder Mix aus Messerschmidts Charakterköpfen und Gabber-Typen, der Hardcore-Variante des Techno.