• vom 06.06.2017, 15:59 Uhr

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Was vom Fleischer übrig blieb: Anja Hitzenberger hat sich in einer aufgelassenen Fleischerei in Ottakring umgeschaut. - © Anja Hitzenberger

Was vom Fleischer übrig blieb: Anja Hitzenberger hat sich in einer aufgelassenen Fleischerei in Ottakring umgeschaut. © Anja Hitzenberger

Unter der Haut

Verstecken spielen


(cai) Da gibt’s doch diese Fernsehsendung mit der vielen Haut. "Adam sucht Eva"? Die FKK-Datingshow? Nein, "Tattoo Nightmares", wo Leute ihre verpatzten Tätowierungen bereuen. Und was Sevda Chkoutova mit Tusche auf Latex zeichnet, auf dieses elastische Material, aus dem die Einweghandschuhe sind, die sich wie eine zweite Haut an jeden Finger schmiegen, das will sicher auch keiner auf seiner Haut haben.

An die Wand hängen würde man es sich aber eventuell schon. Die leicht transparenten, gelblichen Latexhäute sind ja praktischerweise auf Keilrahmen gespannt. Und "gefühlsecht" sind die oft drastisch physischen Fantasien durchaus. Fragmentierte Leiber, die Geschlechter, persönliche Geschichten mit häuslichen Requisiten. Das Leben zeichnet sich ungeschönt ab. Fast wie auf der "richtigen" Haut, der Membran zwischen dem Ich und dem Rest der Welt. Die gewohnt virtuose Zeichnerin, die Großformate mit furiosem Strich füllt, sucht man in der Galerie Chobot trotzdem vergebens.

Unglaublich präsent (und das liegt nicht bloß an ihrer Dreidimensionalität) sind dafür die Kinderschaufensterpuppen. Eine wird ungeniert vollgekritzelt. Alles, von der naiven Kinderzeichnung bis zur Erektion, versinkt in der chaotischen Fülle. Für niemanden gilt offenbar die Unschuldsvermutung. Ein anderer kleiner, nackter Kunststoffkörper wird schützend verschleiert. Und die dritte Puppe zeigt mit brutaler Anschaulichkeit, warum Latex nicht in die Hände von Kindern gelangen darf. Und nicht auf ihre Köpfe. (Wegen der Erstickungsgefahr.) Unheimlich. Wie aus einem Horrorfilm. Der "Vorhang" passt da perfekt dazu. Dramatisch befleckt wie der in der "Psycho"-Dusche. Dort ist das Blut ja ebenfalls nicht rot. "Psycho" ist bekanntlich ein Schwarzweißfilm.

Galerie Chobot

(Domgasse 6)

"hide", bis 30. Juni

Do., Fr.: 13 - 18 Uhr

Sa.: 11 - 15 Uhr

Die Wurscht

endet zweimal

(cai) "Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei." Mit dem Spruch, sollte man einen Nachruf vielleicht nicht beginnen. Aber wenn es halt echt um die Wurscht geht? Nicht, dass die auf der "Roten Liste der gefährdeten Arten" stünde, auch wenn ihr Lebensraum schrumpft (wegen der Kebabstandln). Dafür sind anscheinend die Fleischhauer vom Aussterben bedroht. Immer mehr geben auf. 2014 hat der Karl Sterkl zugesperrt. Und 2016 hat dann Anja Hitzenberger in den Räumen am Brunnenmarkt eine Vergangenheit dokumentiert, die dort noch überall herumgegeistert ist und die bald endgültig Geschichte sein wird. ("Das Gebäude soll noch diesen Monat abgerissen werden.") In ihren ruhigen und trotz der sachlichen Perspektive sehr atmosphärischen, sehr ästhetischen Fotos hört sie quasi den letzten "Zeitzeugen" zu. Dem Kochkessel im "Wurschtzimmer", der Aufschnittmaschine (Baujahr 1912). Was die so erzählen. Und in der Wohnung über dem Geschäft trauert die Wand einem Bild nach.

In einem Video führt der Fleischer durch sein früheres Reich. "Registrierkasse steht noch do. Oba leider leer." Schuld sind, ach, die Vegetarier? Nein, die Supermärkte, wo die Knacker und die Frankfurter in ihrer Plastikverpackung schwitzen wie ein Schwein (siehe die Tapete in der Galerie Reinthaler!). Und eben die Auflagen vom Marktamt. "Des hätt’ si nimmer g’rechnet." Jetzt hab ich direkt ein schlechtes Gewissen, weil ich meine Leberkässemmel beim Billa kauf.

Galerie Reinthaler

(Gumpendorfer Straße 53)

"von Haus aus", bis 10. Juni

Mi. - Fr.: 14 - 18 Uhr

Sa.: 12 - 15 Uhr




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Dokument erstellt am 2017-06-06 16:03:10


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