Basel. Die Diskussionen begannen bei 110 Millionen Dollar. Als vor einem Monat in der New Yorker Filiale des Auktionshauses Sotheby’s ein Gemälde des afroamerikanischen Künstlers Jean-Michel Basquiat um etwas mehr als 110 Millionen Dollar versteigert wurde, erhob sich wieder einmal ein internationaler Aufschrei unter Künstlern, Galeristen und auch Sammlern - von der Venedig Biennale über die documenta in Kassel bis zur Art Basel -, auf welcher sozialen wie wirtschaftlichen Basis es moralisch zu vertreten sei, für ein Kunstwerk einen solch exorbitanten Preis zu bezahlen. Grundtenor: Kein Werk könne derart viel "wert" sein. Eine oft heuchlerische und engstirnige Auseinandersetzung, denn sie ignoriert in ihrem Ansatz zwei maßgebliche Faktoren der aktuellen Verfassung des globalen Kunstmarkts: Da ist zum einen der emotionale Faktor eines Kunstkaufs. Wenn der japanische Jung-Milliardär Yusaku Maezawa mit den Worten zitiert wird, er wollte den Basquiat unbedingt als Herzstück seiner bereits umfangreichen Sammlung haben, dann wird der Preis zur Nebensache.

Auf der anderen Seite sollte doch viel eher die sozialen und wirtschaftlichen Implikationen diskutiert werden, die es möglich machen, dass die Verteilung von Reichtum weltweit so unverhältnismäßig ist, die den Grundboden bildet, dass vollkommen abgehobene Summen vom amerikanischen Geldadel, von russischen Oligarchen, arabischen Sheikhas oder chinesischen Milliardären für Kunstwerke (aber auch für Immobilien oder Juwelen) bezahlt werden können. Ein finanztechnisches Hochschaubahnfahren des globalen Kunstmarkts, das regelmäßig Kassandrarufe vom Platzen der Kunstmarktblase provoziert.

Eine bedrohliche Gewitterwolke, die gerade in der nur alle zehn Jahre stattfindenden künstlerischen "Grand Tour" - Biennale Venedig, documenta Kassel und Skulptur-Projekte in Münster - über dem Beginn der Art Basel hängt. Oder, wie es so treffend in einem unter Kunsthändlern kursierenden Bonmot beschrieben wird: "Basically, Venice, Münster and documenta are mostly abvout theory, whereas Basel is all about practice." Was darauf abzielt, dass zahlreiche bei der Art Basel vertretenen Galerien im Vorfeld der Messe und während der Eröffnungen der "theoretischen" Kunstpräsentationen einen massiven Werbefeldzug lanciert haben, um lauthals darauf zu verweisen, wo und wie Künstlerinnen und Künstler der Galerie bei diesen Events vertreten sind.

Die Zürcher Galerie Hauser & Wirth hat für Venedig eigene Stadtpläne gedruckt, mit Einzelverweisen, in welchen Pavillons oder Palazzi ihre Künstler zu finden sind. Kommt es nun in diesen Tagen im Zuge der Art Basel zur Abrechnung einer lange vorbereiteten, konzertierten Propagandamaschine? Zu Beginn der Kunstmesse sahen sich die Organisatoren rund um Direktor Marc Spiegler mit dem Vorwurf konfrontiert, dass die wichtigste und auch inhaltlich bedeutende Kunstmesse weltweit sich immer mehr davon abwendet, ganz aktuelle, frische zeitgenössische Kunst auf höchstem Niveau zu präsentieren. Ein Momentum, das stets in den Vordergrund - auch bei der Auswahl der Galerien - gestellt wurde.

Warhol ohne Risiko


Jetzt zeigt sich im Schatten permanenter Krisen, dass Galerien verstärkt auf Werke des "Secondary Market" setzen: Was bedeutet, dass aus Sicherheit auf stabile Namen und bereits erzielte Werte gesetzt und das finanzielle Risiko der Neupositionierungen junger Künstler hintangestellt wird. Daher findet der Kunstliebhaber verstärkt Picassos, Warhols, Richters, Soulages, Twomblys und selbstverständlich Basquiats an Ständen, bei denen Sammler es nicht für möglich gehalten haben. Die Taktik hat sich in den ersten Tagen vielfach bezahlt gemacht: So waren Zwirner mit einem Gemälde Luc Tymans um 1,5 Millionen Dollar, Van der Weghe mit einem wunderbaren Donald Judd um knapp 8 Millionen Dollar, Thomas aus München mit einem kleinen Chagall um 1,25 Millionen Euro und Jan Mot aus Brüssel mit einer Preziose von Francis Alys um 140.000 Euro erfolgreich.

Damit jedoch die andere Seite der hitzigen Auseinandersetzung über die nicht nachvollziehbare Preisgestaltung und zelebrierte Arroganz des Kunstmarkts verdeutlicht werden kann, empfiehlt sich ein Besuch des Standes der Galerie Krinzinger: Hier findet der Kunstaficionado thematisch bemerkenswerte wie ironische Zeichnungen (Reflexionen zur Sexualaufklärung aus den 1970er Jahren) des jungen Künstlerduos Hanakam Schuller - und hier enden die Diskussionen bei 1900 Euro.

48. Art Basel, bis 18. Juni 2017

www.artbasel.com