Seine surrealen Welten als digital erzeugte virtueller Realität sinnlich zu erleben, hätte Salvador Dalí wohl begeistert. - © ap/Sang Tan
Seine surrealen Welten als digital erzeugte virtueller Realität sinnlich zu erleben, hätte Salvador Dalí wohl begeistert. - © ap/Sang Tan

In einem Nachruf auf Salvador Dalí schrieb der Kunstkritiker John Russell in der "New York Times" 1989, Dalí habe einen Realismus für die unreale Welt geschaffen. Als in den 1920er Jahren Dalí und mit ihm die ganze Welt halluzinierte, schuf Dalí Ausdrucksformen für den fiebrigen Zeitgeist. Der Kunstsammler James Thrall Soby sagte einmal, Dalí habe "die unreale Welt mit solch einem extremen Realismus (dargestellt), dass seine Wahrheit und Validität nicht mehr länger in Frage gestellt werden können". Soby konnte sich wohl nicht im Traum vorstellen, dass Dalís schmelzende Uhren und phänomenale Landschaften dereinst zu Orten werden könnten, die hautnah erfahrbar werden.

Doch mit dem Siegeszug der virtuellen Realität werden solche immersiven Erlebnisse möglich. Die Technologie beschränkt sich nicht darauf, mit Datenbrillen in Museen Exponate zu bestaunen (das British Museum bot schon vor zwei Jahren VR-Touren durch die Bronzezeit an). Inzwischen kreiert eine neue Generation von Künstlern Werke genuin für virtuelle Realität.

Die in Montreal lebende britische VR-Künstlerin Liz Ewards hat mehrere dreidimensionale Kunstwerke geschaffen. Der Betrachter kann im virtuellen Raum beispielsweise die surreale Szenerie eines gestrandeten Raumschiffs sehen und sich dem Objekt aus verschiedenen Perspektiven nähern. Das Werk ist nicht zwingend auf VR-Brillen als Medium angewiesen, es lässt sich auch auf dem Desktop-Computer mit dem Cursor durch den Topos navigieren, wobei mit jedem Mausklick die Szenerie arretiert wird und das dreidimensionale Oeuvre zum zweidimensionalen Bild erstarrt und die Erfahrung der Immersion verloren geht. Edwards begann als 3D-Programmiererin in der Spieleindustrie, ehe sie sich den Künsten widmete.

Es gibt verschiedene VR-Maltechniken: Mit Googles Zeichen-App Tilt Brush kann man zum Beispiel mit einem Controller und VR-Headset mit verschiedenen Pinseln und Farben Formen und Figuren zeichnen. Objekte werden per Klick eingefügt und im dreidimensionalen Raum arrangiert. Der kreative Gestaltungsprozess ist der analogen Malerei oder Bildhauerei nicht fremd: Man legt ein Gitternetz an und schafft Figuren, die mit jeder Schicht an Plastizität gewinnen.

Digital und doch mit den Händen geschaffen


VR-Kunst ist zwar digital, doch letztlich geht es darum, etwas mit den Händen zu schaffen. Edwards hat mit dem Oculus-Malprogramm Quill ein virtuelles Gemälde kreiert. Malen in der virtuellen Realität funktioniert ganz ähnlich wie in der physischen Realität: Auf einem YouTube-Video ist zu sehen, wie eine Frau mit einer VR-Brille Formen und Linien in die Luft malt, die von der Software in einzelne Datenpunkte transformiert werden und sich zu einem Bild fügen. Es wirkt wie Pantomime, deren Ergebnis ein Gemälde auf einem virtuellen Speichermedium ist. Schon der schöpferische Akt ist kunstvoll.