Freimaurerische Kunst: Die Porzellangruppe nach einem Entwurf von Johann Joachim Kaendler stammt aus der Zeit um 1740 und zeigt zwei Freimaurer. - © Österreichische Nationalbibliothek
Freimaurerische Kunst: Die Porzellangruppe nach einem Entwurf von Johann Joachim Kaendler stammt aus der Zeit um 1740 und zeigt zwei Freimaurer. - © Österreichische Nationalbibliothek

Ganz schön viel los an diesem Sonntag im Prunksaal der Nationalbibliothek. Bei manchen Vitrinen der Schau "300 Jahre Freimaurer" muss man sich nachgerade anstellen, will man die Schriftstücke und Objekte zu sehen bekommen: etwa das Foxcroft-Manuskript aus dem Jahr 1699, das die freimaurerischen Traditionen belegen soll, oder ein Stoffschild mit freimaurerischen Insignien; auch Uhren, Schmuckteller und Insignien mit den freimaurerischen Symbolen sind zu sehen. Die Feinheit der Arbeiten setzt in Erstaunen und Entzücken zugleich. Doch "das wahre Geheimnis", das die Schau für sich reklamiert, wird nicht nur nicht enthüllt, es wird kaum ansatzweise thematisiert.

Dabei ist gerade dieses Geheimnis wohl der Grund des Interesses vieler Menschen an der Freimaurerei. Welch seltsamer Bund: Man darf öffentlich bekennen, selbst dabei zu sein, darf aber keinen anderen als Mitglied outen, und vor allem darf man nicht über die Riten der Freimaurer sprechen - nicht einmal dann, wenn man den Bund verlässt.

Die Aufklärer

Die Freimaurerei, das dokumentiert die Schau in zahlreichen Schriftstücken, stand von Anfang an also für Aufklärung. 300 Jahre - das bezieht sich auf den Zusammenschluss von vier Logen zur ersten Großloge von England am 24. Juni 1717, von wo die Freimaurerei ihren Ausgang nahm.

Das Spannungsverhältnis zwischen Aufklärung der Gesellschaft und Geheimniskrämerei über die eigenen Praktiken thematisiert die Schau nicht. Die Widersprüchlichkeiten des Bundes werden am Rande schnell abgehandelt: Dem Kampf gegen Hierarchien in der Gesellschaft widerspricht der hierarchische Aufbau des eigenen Bundes, wenngleich er demokratisch geordnet ist. "Die Herzen der Freimaurer stehen den Frauen offen, aber die Logen sind ihnen verschlossen" - bei anderen Vereinigungen würde das zweifellos Häme hervorrufen. Allerdings gibt es Frauenlogen, wie genau es um sie steht, was die Anerkennung betrifft, findet in der Schau keine Resonanz.

Eher verlegt man sich darauf, was ja durchaus legitim ist, herzuzeigen, wer aller einer war, ein Freimaurer nämlich, und ebenso ist es legitim, nur die positiven Beispiele vor Augen zu führen, etwa den ehemaligen britischen Premierminister Winston Churchill, den ehemaligen Bundeskanzler Fred Sinowatz, den Komponisten Gottfried von Einem, den Maler Marc Chagall oder den Schauspieler Fritz Muliar. Was ein solches Namedropping an einer Säule soll, erschließt sich indessen nicht: Für eine Aufzählung ist es zu wenig, die Beispielauswahl scheint willkürlich, ob und inwiefern das Wirken der Genannten in der Freimaurerei wurzelt, bleibt der Mutmaßung des Betrachters überlassen.

Die Verfolgung der Freimaurer im sogenannten Dritten Reich hingegen wird anhand einiger Beispiele auf engstem Raum und doch eindrucksvoll dargestellt - da scheint es, als wären für die Nationalsozialisten Freimaurerei und Judentum Synonyme gewesen, was wieder einmal zeigt, dass das Denken am rechten Rand unfähig zur Differenzierung ist.

Natürlich zeigt die Schau auch den Fall Wolfgang Amadeus Mozarts, der von der Freimaurerei dermaßen begeistert war, dass er seinen Vater und seinen Komponistenkollegen Joseph Haydn dazu überredete, Freimaurer zu werden.

Ein Abt als Freimaurer

Mit einem Mythos räumt die Schau auf, nämlich, dass Freimaurerei politisch automatisch "links" sei. Aufklärung und Vernunft sind die höchsten Güter, also waren auch Fürsten, denen daran gelegen war, Freimaurer. Wie es um die Freimaurer und die Religion steht, ist ein heikles Kapitel, dem sich die Ausstellung nur im Fall eines Abtes widmet, der Logenbruder war, obwohl die katholische Kirche (und übrigens auch der Islam) die Freimaurerei als unvereinbar mit der eigenen religiösen Überzeugung erachten. Die evangelische Kirche überlässt es jedem Gläubigen, wie er sich entscheidet, auch das Judentum hat keine Probleme.

Was man von der Schau mitnimmt? - Ein großes Fragezeichen. Man hat den Eindruck, eigentlich nicht viel erfahren zu haben. Ein paar eindrucksvolle Objekte, gewiss - aber worin "das wahre Geheimnis der Freimaurerei" besteht, ist das wahre Geheimnis dieser Ausstellung.