"Ich weiß nicht" ist Birgit Jürgenssens Arbeit betitelt. - © Woessner/MAK
"Ich weiß nicht" ist Birgit Jürgenssens Arbeit betitelt. - © Woessner/MAK

Neben den Robotern und der Frage nach der Zukunft der Arbeit stellen drei Ausstellungen im Rahmen der Vienna Biennale 2017 eine weitere Frage: Nämlich die, ob die Kunst in der zunehmenden Automatisierung überhaupt ihr Existenzrecht behaupten kann. Durch die fortgeschrittenen Überschneidungen mit Wissenschaft, Theater, Musik und Tanz scheint das "ich weiß nicht" als Antwort durch einen Ausstellungstitel angebracht. Er geht auf eine Fotoarbeit von Birgit Jürgenssen von 2001 zurück, bei der ihr eingeschneites Auto geistige Mobilität als Ersatz für die Maschine fordert. Im MAK Designlabor wird diese Schneemetapher gespiegelt auf die Beziehung der Dinge zum Menschen und auch Padhi Friebergers pseudoschamanistisches Idol aus Abfall und Bruno Gironcolis hybride Zwitterskulpturen aus organischen wie technoiden Formen finden sich in einer Parade der weitsichtigen Alten. Dazu flüchtet voller Ironie Nilbar Güreş’ Kaktus aus seinem Topf, ein Papagei wählt die Farben für Kay Walkowiaks Neogeo-Arbeiten aus oder eine neue Landkarte von Sofie Torsen baut dreidimensional verlorenes Kulturgut durch Kriege in weiße Lücken der Zerstörung ein.

Künstlerische Anarchie

Auch das Herzstück der MAK-Ausstellungshalle widmet sich - umgeben von Robotern - den "Artificial Tears" über die bedrohte Kunst, denn das Weinen bleibt uns als menschliche Gefühlsregung auch im Gedenken an utopische Romane wie Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" als Hinweis auf "Singularität & Menschsein". Hier sind ältere Positionen von Kiki Smith und Matt Mullican, Jeremy Shaw oder Dora Budor gegenübergestellt. Der Aufruf zur künstlerischen Anarchie lässt gegen die Allmacht des Technischen einige Handlungsweisen zur Überwucherung und zum körperlichen Widerstand aufkommen - immer ist die Flucht aus der sterilen Atmosphäre verbunden mit Hilfe archaischer Muster aus kultureller Prägung. Am besten sichtbar mit dem Handabdruck, den Mariechen Danz in einen Stein fräst und die Signatur des künstlerischen Menschen seit den Höhlenmalereien in Erinnerung ruft.

Budor wie Aleksandra Domanović lassen Requisiten aus Science-Fiction-Filmen von Natur und Mensch wild überwachsen. Abwesender Geist und Gefühl, aber auch Geschlechterrollen werden wie die fehlenden Filmcharaktere beschworen, mit denen sich auch die Besucher aus der Kühle künstlicher Existenz ins greifbare Material zurück flüchten dürfen. Noch ist also das Magische und Wilde nicht verloren, das die erste Moderne antrieb, hilft es uns aber auch dabei, unsere Selbstbestimmung über Smartphone, Computer und andere Überwachungsmaschinen zu behaupten?

Eine Fortsetzung nach Fragen der Soziopolitik in Bezug auf unsere aktuellen Arbeitsfelder mit ständiger Verfügbarkeit unserer laufend zu optimierenden Körper für eine oft trügerische Anerkennung beinhaltet die Schau in der Kunsthalle am Karlsplatz. Auch hier geht es um Aufzeigen der Mechanismen neoliberalistischer Forderungen sowie das Verweigern und den Widerstand in Form von etwa zehn künstlerischen Vorschlägen. In "Work it, feel it!" empfängt uns Sidsel Meineche Hansens verkohlter und trotzdem nahezu perfekt anmutender Avatar auf einem ergonomischen Bürostuhl. Wir sind angekommen in der neuen Welt, in der nur noch die handwerkliche Herstellung das Künstlerische manifestiert wie auch die Holzdrucke der Künstlerin, "The Manual Labor Series" von 2013, zeigen.

Am Angelhaken

Ein Schlaflabor Danilo Correales oder Shawn Maximos schrecklicher Kosmetiksalon "Creeper Comfort", in dem Roboter und Mensch schon eins scheinen, dienen den Arbeitslosen wie den von Stress und Burn-out gezeichneten Instandhaltern eines postfordistischen Systems - alle hängen am Angelhaken, symbolisiert von der handgefertigten "hafenperle II" Toni Schmales aus der Skulpturenserie "fuhrpark. was das/der neue gefährt sein kann". Unser "Upgrade" kann aber zum Glück in Guliette Goiffons und Charles Beautés Laborinstallation nicht funktionieren und auch ihre kontrollierten Masken aus Google-Patenten von Gesichtsliftings und elektrischen Simulatoren sind eher Warnungen als funktionierende Geräte zur chirurgischen Selbstoptimierung. All die angebotenen Prothesen, sei es für unser Denken oder unseren Körper bleiben künstlerische Aufrufe zum Widerstand, ob sie als Wege aus der Überwachung und zur Entmachtung der Roboter weiterreichen werden, bestimmen wir selbst.