Falco-Meme von Lush Sux. - © Jan Arnold Gallery/www.leapartprints.com
Falco-Meme von Lush Sux. - © Jan Arnold Gallery/www.leapartprints.com

Streetart ist tot - wenn es nach dem australischen Graffiti-Künstler Lush Sux geht. Er bezeichnet sich lieber stolz als "Meme-Artist". Dass er nun auch in Wien seine Kunstwerke auf Mauern vor dem Museumsquartier und bei der Falcostiege verewigt hat, macht ihn zwar de facto dennoch zum Straßenkünstler, aber wer will schon über Definitionen streiten.

Bedenkt man das anbiedernde Wiederkäuen von Graffitis, Stickern und Ähnlichem als Werbestrategien für junges Publikum, muss man die herkömmliche Streetart vielleicht wirklich zu Grabe tragen. Immerhin stellt sie sich in ihren Ursprüngen als Außenseiterkunst entschieden gegen Kommerzialisierung und Kapitalismus. Allerdings wird dieses hehre Ziel immer stärker durch den enormen kulturellen Hype unterwandert, den die Sprayer-Guerilla in den letzten Jahren verbuchen kann. Die exzessive Vermarktung von Werken eines Phantomkünstlers wie Banksy als Nachdrucke für Souvenirs und Ähnliches beweist aber auch, dass die Zeit der Streetart als Nischenkunst vorbei ist. Vielleicht sind also tatsächlich die Memes die neuen, nun virtuellen Graffitis.

Von Scherz bis Schock

Was jetzt aber genau diese Memes sind, ist gar nicht so leicht einzugrenzen. Das "Urban Dictionary" bezeichnet sie als "Bilder, Videos oder kurze Texte, die beliebt werden und sich rapide via Internet ausbreiten". Kurz gesagt: Ein Meme ist also etwas Lustiges. Und selbst große Kunstwerke sind nicht davor gefeit, dem Schmäh zum Opfer zu fallen: Seit einiger Zeit machen Meisterwerke der Malerei im Netz die Runde, denen witzige Bildtexte oder Bearbeitungen neuen Inhalt verleihen. John Whistler hat seine ins Leere starrende Mutter 1871 wohl kaum vor einem Fernseher porträtiert. Und auch Michelangelo ließ Adam seinen ausgestreckten Finger im Original sicherlich nicht in Nutella tunken. Wenn also Humor das ist, was einen sogenannten "Meme-Artist" ausmacht, dann trifft Lush Sux mit Graffitis wie einem tanzenden Hotdog ins Schwarze.

Bei einem ästhetischen Griff in die Witzkiste bleibt es aber für den Pop-Provokateur meist nicht: Wer eine halbnackte Hillary Clinton meterhoch auf eine Häusermauer sprayt, der will mit Sicherheit nicht bloß das Stadtbild verschönern. Mitten im US-Wahlkampf versetzte der Künstler die Lokalpolitiker einer Melbourner Vorstadt mit diesem Aufreger in Schnappatmung. Ihre Kritik stieß aber auf offene Ohren und prompt zog der Graffiti-Rowdy seiner Hillary doch noch etwas an: eine Burka. Konfrontationsscheu und tabuergeben ist der Australier also mit Sicherheit nicht, wie er mit Motiven wie einem innigen Kuss zwischen Hillary und Donald Trump oder heftig kopulierenden lüsternen Einhörnern immer wieder beweist.

Auf Konfrontation scheint der Pop-Künstler in Wien allerdings nicht aus zu sein: Seine Promi-Porträts, wie zum Beispiel das Antlitz von Conchita Wurst vor dem Museumsquartier, sind wohl eher als witzige Hommage zu verstehen. Ein beliebtes Späßchen des Sprayers sind sogenannte Snapchat-Filter - eine pubertäre Kapriole der Digitalkultur: Via Foto-App "Snapchat" schicken die medialen Trendsurfer Fotos von sich herum, die nur kurze Zeit für ihre Freunde sichtbar sind. Spaßig wird’s dabei aber offenbar erst, wenn man sich selbst und andere mit allerhand Filtern aufmotzen kann à la Hasenohren, Hundeschnauze oder Rehaugen. Indem Lush Sux dem Model Kendall Jenner beim MQ einen derartigen Filter verpasst, bringt er lediglich das auf die große Hauswand, was viele User tagtäglich auf ihrem Bildschirm sehen.

Zahme Kunst in Wien

Eine bissigere Persiflage auf die Popkultur - zumal in Wien - ist da schon das Falco-Abbild mit Mozartperücke bei der Falcostiege auf Höhe der Rechten Wienzeile 49. Ärgern wird die Inschrift "Rest in Peace Mozart" daneben aber wahrscheinlich nur eingefleischte Klassikfans, der Rest denkt sich schmunzelnd: "Ja eh."

Parallel zu den Wandporträts zeigt die Jan Arnold Galerie im Museumsquartier eine kleine Lush-Sux-Werkschau, kuratiert von @Artis.Love. Oft stehen derartige Ausstellungen ja in der Kritik, die Straßenkunst zu zähmen, indem man sie nicht in freier Wildbahn präsentiert. In diesem Fall strotzen die Bilder aber ohnehin nicht vor besonders rebellischer Kraft. Hier hat man wirklich eher das Gefühl, in einer Meme-Galerie zu stehen, umgeben von den kunstgewordenen Schmähbildern des Internets. Dennoch: Eine Mona Lisa mit Hunde-Attributen vom Snapchat-Filter reißt zwar nicht sonderlich von den Socken, entlockt aber wenigstens ein hämisches Grinsen: Wer kennt ihn nicht, den verborgenen Wunsch, ein großes Gemälde zu verschandeln.