• vom 07.09.2017, 16:42 Uhr

Kunst

Update: 07.09.2017, 17:05 Uhr

Ausstellungskritik

Gaffer und Gierhälse




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Die Albertina zeigt mit "Bruegel. Das Zeichnen der Welt" die Filetstücke ihrer Sammlung.

Der Esel scheint bei Bruegel gelehriger als manch einer der Schüler.

Der Esel scheint bei Bruegel gelehriger als manch einer der Schüler.© Kupferstichkabinett Berlin Der Esel scheint bei Bruegel gelehriger als manch einer der Schüler.© Kupferstichkabinett Berlin

Bald 450 Jahre tot, hat Pieter Bruegel nichts an Aktualität eingebüßt, auch wenn seine oft grotesken Sujets nicht sofort entschlüsselt werden können. Aber wenn große Fische kleinere fressen, ist uns die frühkapitalistische Metropole Antwerpen, in der er seine frühen Jahre ab 1545 verbrachte, sehr nahe. Die Albertina besitzt 6 von 60 Handzeichnungen des Künstlers und das gesamte druckgrafische Werk. Keine der Zeichnungen ist eine Vorstudie zu einem Gemälde, alle sind eigenständige Kompositionen. Wie sich während der Recherchen der Kuratorin Eva Michel herausstellte, gibt es die Drucke komplett in zweifacher Ausführung, von manchem Blatt sogar weitere Druckzustände.

Eine weitere verkaufssteigernde Maßnahme war die Bezeichnung Bruegels als neuer Hieronymus Bosch, von dem die Schau Originale wie den "Baummenschen" ergänzend zeigt, die später als Bruegels galten, während der früh mit Bosch signierte.

Information

Ausstellung
Bruegel. Das Zeichnen der Welt
Eva Michel (Kuratorin)
Albertina
Bis 3. Dezember

Einige Tugenden und viele Laster

Heute ist Bruegel vor allem für seine drolligen Bauernbilder und grotesken Schilderungen einer grausamen Gegenwart der Glaubenskriege sowie der Dummheit des Menschen bekannt. Er hat aber nach seiner Italienreise speziell die Landschaftszeichnung reformiert. Der Wandel geht von der fantastischen Weltlandschaft zur intimen Beobachtung der Natur, der Alpen, eines Flusstales oder Walddickichts. Die Antike beeindruckte ihn nicht in Bildern, jedoch signierte er ab 1559 mit römischen Majuskeln und begann lateinische Bildunterschriften zu setzen, die uns verraten, dass er für eine intellektuelle Elite tätig war.

Doch Bruegel stellt seine Käufer als dumme Gaffer hin, die zur Geldbörse greifen und damit die ernste Arbeit des Malers unterbrechen. Das wagt er, obwohl sie vom Hof in Brüssel stammen, wohin er nach seiner Heirat 1563 gezogen ist, um mehr potenzielle Kunden anzulocken. Das gezeichnete Selbstbildnis mit wirrem Haar und herabhängenden Mundwinkeln verweist auf die saturnische Melancholie und den Ekel des Künstlers vor dieser Welt, in der sich 1566 ein Bildersturm der Reformation in den Niederlanden ereignete, der viele Kunstwerke vernichtete. Daher ist ein ganzer Raum dem selbstreflexiven Künstler gewidmet, und auch Dürers berühmter Kupferstich der "Melancholie", seine "Verleumdung des Apelles", Griens "Saturn" und Bruegels "Misanthrop", gestochen von Jan Wierix, finden sich neben dem ungleichen Paar Jacob Hoefnagels nach dem Vorbild Leonardos.

Bruegels Frau soll die Tochter seines Lehrers Pieter Coecke van Aelst gewesen sein, die 1564 und 1568 geborenen Söhne Pieter und Jan setzten das Werk des Vaters in Abwandlungen fort. Der wesentliche Unterschied zu den moralisch kritischen Werken Boschs ist aber beim eine Generation jüngeren Künstler ein hohes Quantum an Humor, sogar Satire, die sich in vielen Details ablesen lässt, vor allem in den Kirmesdarstellungen und der Serie der "Tugenden" und "Laster" oder bei Themen wie den "Versuchungen des heiligen Antonius". Es wimmelt von Paradoxa wie lernenden Esel, unbelehrbaren Alchimisten und Häretikern. Alle gieren nach Gold und Geld, und Verfressene müssen ihre dicken Bäuche in einer Scheibtruhe herumführen.

In den letzten Zeichnungen, Teil der Jahreszeiten, streckt ein trinkender Bauer im "Sommer" seine Ferse und Sense dem Betrachter entgegen, um auch die Lebensalter sichtbar zu machen, wobei des Künstlers Gegenwart bis heute als dritte Sinnschicht mit vorhanden ist. Weil Bruegel 1569 starb, hat Hans Bol den Zyklus ergänzt. Schon damals war ein so bekannter Künstler aber auch Anlass für viele Nachahmungen - so, wie er selbst Anleihen bei Bosch, Dürer und anderen genommen hatte.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-09-07 16:48:06
Letzte nderung am 2017-09-07 17:05:21



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