Querverweise in die Kunstgeschichte beherrscht Nicole Eisenman schlafwandlerisch, doch sie überträgt das Teilnahmslose des Halbschlafs auch auf einige ihrer Figuren in den letzten drei monumentalen Gemälden. Diese stellen die Ohnmacht dar, die nicht nur Intellektuelle und Künstler in Amerika erfasst hat nach der Wahl von Donald Trump. Nicht gleich als politisch erkennbares Tagesgeschehen erkennbar ist das Ausstoßen schwarzen Rauchs aus Dieselmotoren von Trucks, die mit diesen Abgasen die Anti-Trump-Proteste einnebeln. Symbole wie die rote Baseballkappe verbinden sich mit dem steuerlosen Treiben eines Boots in Richtung Wasserfall - wie der kahle Baum im Vordergrund ist das auch ein klassisches Trauermotiv.

In "Shooter" wandelt Eisenman Erschießungen Schwarzer durch die Polizei 2016 zur alten Pathosformel des Anvisierens mit einer Waffe. Neben Wild-West-Filmen kommt hier das Plakative der Pop-Art-Malerei ins Spiel. Beim Betreten des Hauptraums richtet sich eine blaue Pistole auf die Besucher. Da tun sich Erinnerungen auf an die glatte Maltechnik der 1970er Jahre, an das "Narrenschiff" Hieronymus Boschs. George Grosz’ Musikanten und Matrosen ähnliche Figuren fügen sich in "Going Down River on the USS J-Bone of an Ass" von 2017 zu enigmatischen Vorgängen unter bedrohlich glänzenden Knopfsternen zusammen. Wenn die Sonne schwarz neben dem Mond ausrinnt und jene giftige Dieselwolke einen Rotkappenträger überwölbt, steht in antiaufklärerischer melancholischer Düsternis von "Dark Light" auch Edvard Munch Pate.

Das Archiv Eisenmans besteht aus Vorzeichnungen an den Seiten-Wänden und in Vitrinen, die den Arbeitsprozess im New Yorker Atelier mit persönlichen und am Wiener Flohmarkt gesammelten anonymen Fotos kombinieren. Daneben lädt eine durch Güsse von schwarzem Lack von der Decke devastierte Wohnzimmer-Installation in der abgetrennten Apsis des Hauptraums weniger zum Verweilen ein als die alternativen weißen Bänke und ein Tisch mit ihren Künstlerbüchern.

Fitness und groteske Medizin


Den Galerieraum im Keller hat Toni Schmale, ehemalige Spitzensportlerin und mittlerweile durch ihre Skulpturen aus Metall, Beton und Gummi bekannte Künstlerin, völlig verändert. Sie schließt einen langen Gang, der die ersten beiden Räume verbaut, mit einem ihrer präzise gearbeitet Objekte ab, die zwischen Fitnessgerät und Folterkammer oszillierend erotisches Begehren wie auch Zwänge verhandeln. Die Macht der Gesellschaft, auch über Geschlechterverhältnisse, kommt weiters im verbleibenden Raum mit minimalistisch-brutalistischem Impetus zur Sprache: Die Serien "Hot Hot Hot" und "Ach Ach Ach" sind mit "dipstation" und "das management" zum strengen Ensemble geordnet. Ambivalenzen zwischen Lust und Leid körperlicher Optimierung erzeugen aus der maschinellen Monotonie eine Nähe zu Folterkammern. Mitwirkend an diesen Spannungen inmitten von Übergängen, die Schmale psychologisch interessieren, ist die Perfektion der bearbeiteten Oberfläche durch Brand und Sandstrahl.

Im Grafischen Kabinett hat Chadwick Rantanen aus Los Angeles den Werkkomplex "Ward" aus Produkten für Gesundheitseinrichtungen gestaltet. Seine beiden an Skelette und Wiegen erinnernden Mobiles über Zinnwannen sind von gemusterten Stoffen wie von Häuten belegt. Die antimikrobiellen Beschichtungen der teuren medizinischen Gewebe hat er händisch abgezogen und eingerissen, die Muster der Folie mit in Arztpraxen und Spitälern gesammelten Wandgestaltungen kombiniert. In seiner bunten Wandtapete sind alle Figuren ausgespart.

Die via Computer generierten Ornamente sind scheinbar fröhlich. Es entsteht eine disparate Mischung, ein Gefühl von Todesnähe und Zerfall zum Eindruck von Behaglichkeit in bunter wie floral-ornamentaler Umgebung. Der Widerspruch ist zu Assoziationen wie Skelett und Wiege noch gesteigert durch das Schweben. Bei Rantanen ebenso wie bei Eisenmann und Schmale begibt sich die Kunst neuerdings wieder ins Zwischenreich des grotesk Fantastischen.

ausstellung

Nicole Eisenman, Toni Schmale,

Chadwick Rantanen

Secession

Bis 5. November