Schlangenhautskulptur "Cuaima" von Lucía Pizzani (2016). - © Courtesy House of Egorn/Viennacontemporary
Schlangenhautskulptur "Cuaima" von Lucía Pizzani (2016). - © Courtesy House of Egorn/Viennacontemporary

Wien. Hoffentlich ist die Kunstmesse ausreichend feuerversichert. Eine Woche, bevor die sechste Ausgabe der viennacontemporary ihre Pforten geöffnet hat, kam es im Gebälk der Marx Halle zu einem beträchtlichen Brand. Mehr als 100 Feuerwehrleute waren stundenlang im Einsatz, um das Feuer in der Dachkonstruktion der Halle zu bekämpfen. Am folgenden Tag gab ein Sprecher der Polizei bekannt, dass der Brand eindeutig gelegt worden war. Die Schuldigen wurden bis dato noch nicht ausfindig gemacht. Bis gestern, also bis zur Eröffnungs-Pressekonferenz der viennacontemporary.

Wenn alle an einem Strang ziehen

Mit seinem Einleitungsstatement gestand der Vorstandsvorsitzende der Kunstmesse, Dmitry Aksenov, für das Feuer verantwortlich zu sein. Also nicht er persönlich, sondern die Messe als energetische Veranstaltung in Wien und Österreich. Aksenov zeigt sich überzeugt, dass es durch die Energie und Hitze, die die Messe schon im Vorfeld ausstrahlt, zu einem Funkenflug gekommen ist, der den Dachstuhl in Brand gesetzt hat. Die viennacontemporary ist, so Aksenov weiter im Gespräch, in den vergangenen Jahren maßgeblich verantwortlich dafür, dass es während der Messewoche in der Wiener Kunst- und Kulturszene richtig heiß her geht. Das liegt nicht nur an der Messe, die immer mehr internationale Sammler und Besucher anzuziehen versteht, sondern auch an den Kunstinstitutionen wie Museen, Kunsthäusern, -hallen und Galerien oder die Satellitenmesse Parallel, die endlich an einem Strang ziehen und durch Eröffnungen und Präsentationen die nationale wie internationale Aufmerksamkeit der Kunstmischpoche auf Wien fokussieren.

Eine notwendige Zusammenarbeit, die bei anderen renommierten Kunstmessen selbstverständlich ist, hat in der Donaumetropole aufgrund klassischer, ortsüblicher Kabalen um einige Jahre länger gebraucht, bis sie auch hier angekommen ist. Nun zählt die viennacontemporary, unterstreicht Aksenov, zu den Top-20-Kunstmessen im globalen Kunstmarkt-Kalender.

Kunstmessen kämpfen
mit Umsatzeinbußen

Als weiteres Ziel der Messe, die 2017 auf 110 Aussteller aus 27 Länder verweisen kann, strebt Aksenov sportlich-ambitioniert einen Platz unter den Top 5 des jährlichen, weltweiten Messemarathons an. Wenn er sich mit dem ungemein ambitionierten Anspruch nur nicht die Finger verbrennt, möchte man hinzufügen. Denn in diesen Zeiten erscheinen übertriebene Ambitionen nach rasanten, unkontrollierbaren Wachstum am Kunstmarkt nicht unbedingt opportun. Auch deswegen, weil - bis auf den Erfolgsgarant Art Basel - die meisten bekannten Kunstmessen mit erheblichen Problemen bei Teilnehmern und Umsatzeinbußen zu kämpfen haben. Da ist es ratsam, wie der frischgebackene Direktor der Wiener Dependance der Berliner Galerie Crone, Andreas Huber, aus eigener Erfahrung unterstreicht, sich auf das Lokalkolorit zu konzentrieren. "Die internationalen Sammler und Besucher schätzen Wien, die vielfältige Kunstszene und die Übersichtlichkeit der Stadt besonders", erzählt Huber, der lange Jahre Mitglied des Auswahlkomitees gewesen ist, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Daher ist es nicht notwendig, plötzlich - nach den ersten nachhaltigen Erfolgen der Messe - mit übertriebenem Klotzen zu beginnen.

Die steigende Attraktivität der "kulturellen Hauptstadt, in der Kunst fest in ihrer DNA verankert ist" (laut Aksenov) beweist sich eben auch darin, dass Galerien aus Deutschland wie Beck & Eggeling, Croy Nielsen und Crone ihre Zelte hier aufgeschlagen haben. Bei Crone werden verstärkt österreichische Künstler wie Constantin Luser (mit poppig-feinen Zeichnungen) oder Rudolf Polanszky (mit zwei Skulpturen) präsentiert.

Des Weiteren sind beim ersten Rundgang folgende Galerien und Positionen aufgefallen: In der Zone 1, die von MAK-Kuratorin Marlies Wirth beachtlich zusammengestellten Einzelpräsentationen österreichischer Künstler, bleiben etwa die einzigartige, performative Installation mit einem sich zu Sound verschiebenden Stein von Samuel Schaab (Galerie unttld aus Graz) und die raumgreifende Boxsack-Installation von Kay Walkowiak bei Zeller van Almsick nachhaltig in Erinnerung.

Erstaunliche Entwicklung
der Wiener Kunstmesse

Bei Neuzugängen von Ausstellern sticht die junge Berliner Galerie House of Egorn mit der vielschichtigen Malerei von Glauber Ballestero und den Schlangenhaut-Skulpturen von Lucía Pizzani ins Auge. Bei Aussteller-Routiniers empfehlen sich Besuche bei Charim mit einem sehr klaren, reduzierten Stand mit Arbeiten von Dorit Margreiter, bei Taik Persons aus Helsinki mit den beeindruckenden Fotografien von Hilla Kurki, bei Thaddäus Ropac mit Skulpturen von Richard Deacon oder Antony Gormley oder der Stand des diesjährigen Focus-Landes Ungarn, der einen hervorragenden Einblick in das Kunstschaffen des Landes der letzten Jahrzehnte liefert.

Die Entwicklung der viennacontemporary in den letzten Jahren ist einigermaßen erstaunlich: Es ist nicht lange her, dass bei der Kunstmesse aufgrund organisatorischer Mesalliancen immer wieder der Hut brannte und weder Galerien noch Besucher wussten, wie es im kommenden Jahr weitergehen wird. Nun präsentiert sich die Wiener Kunstschau als spannender und erfrischender Fixpunkt auf dem internationalen Messekalender. Very hot!