Wer heute die virtuose Handschrift und den besonderen Einsatz leuchtender Farbkontraste in Werken des frühen Expressionisten Anton Kolig (1886-1950) betrachtet, kann sich kaum noch vorstellen, dass diese als unvollendeter Wildwuchs von Kritikern wie dem Kunsthistoriker Josef Strzygowski angegriffen wurden: Dieser nahm die Vokabel "krank" und "unvollendet" in den Mund, erwähnte aber immerhin des Malers "Feuerwerk an Farben". Kolig gehörte schon 1909 neben Egon Schiele der "Neukunstgruppe" an, 1911 stellte er mit dieser im Hagenbund aus, wobei Oskar Kokoschka einen Skandal erregte; neben ihm war Kolig ein früher Revolutionär gegen die Akademie und den Jugendstil, dem seine ersten Gemälde noch folgten.

Rausch der Farben

Das Leopold Museum besitzt 20 Gemälde des Künstlers, dazu kommen 50 Leihgaben und 30 seiner hochsensiblen Zeichnungen - mit etwa 100 Exponaten bietet die zweigeteilte Schau im Erdgeschoß und im Grafischen Kabinett im zweiten Untergeschoß erstmals nach 1948 die Gelegenheit, den Künstler in einer Personale neu zu beurteilen. Das Spätwerk des nach 1944 durch einen Bombentreffer auf sein Haus in Nötsch im Kärntner Gailtal schwer versehrten Malers kann tatsächlich einen Bogen in die figurale Malerei der Gegenwart spannen. "Die Sonnensucher" sind ein Entwurf für Glasfenster von St. Stephan, 1947 ohne Auftrag entstanden, und sie zeigen eine Auflösung allegorischer Akte in einen wilden Farbrausch, der bereits postmodern anmutet.

Koligs großes Thema war der männliche Akt, was er in seiner Malschule in Nötsch ab 1920/21 und später an der Stuttgarter Akademie in den monumentalen Gemälden "Die Malerfamilie" und die "Werkstatt des Malers" vorführt. Kurator Franz Smola beginnt die Schau mit Varianten zu diesem Sujet und ein weiterer Raum widmet sich den späten Männerakten und Stillleben mit Totenkopf, die entfernt an James Ensor erinnern. Kolig lotete seine eigenwillige Position zwischen Meistern der Vergangenheit, wie Tizian oder Rembrandt, und visionärer Fantastik expressiver Pinselzüge aus. Nachdem sein "Blauer Jüngling (Am Abend)" von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und seine Fresken im Landhaus von Klagenfurt 1938 nach jahrelanger Polemik abgeschlagen wurden, verlor er auch seine Professur.

Ein zerrissener Charakter

Einige entlarvend ironische Selbstbildnisse zeigen, dass Kolig ein schwermütiger und in vieler Hinsicht zerrissener Charakter war. Einmal blickte er mit aus dem Hosenbund hängendem Bauch in offenem blauen Hemd auf die Betrachter, 1923 zeigt er ansatzweise seinen Hintern in ganzer Figur. Seine schwärmerische Neigung zum männlichen Körper mag dem Ideal griechischer Antike der 1920er Jahre entsprechen. Doch die Versuche, mit Pathos heldenhafte Sportler aus diesen extrem sinnlichen Jünglingen zu machen, scheitern bereits an sensiblen Betrachtungen verwundeter Soldaten im Ersten Weltkrieg. Es war kein Wunder, dass später einige Gemälde Koligs als "entartet" galten, Adolf Hitler sortierte seine "Flora" neben anderen österreichischen Beiträgen aus der Ersten Deutschen Kunstausstellung 1937 in München aus.

Der "Sitzende Jüngling (Am Morgen)" von 1919 als Signetbild der Schau und die wunderbaren Gittergerüste der Akte in spezieller Perspektive weisen Kolig als genialen Zeichner wie auch Koloristen aus, was ansonsten nur für den um vier Monate jüngeren Kokoschka und Schiele gelten kann. Im "Nötscher Kreis" war er neben Franz Wiegele und Sebastian Isepp die führende Gestalt, bei seinem durch Carl Moll ermöglichten Parisaufenthalt 1912/14 intensivierte er seine Studien an Paul Cézanne, was er auch an seine Schüler Gerhart Frankl oder Anton Mahringer weitergab.

Kurator Smola gelingt mit Auswahl und neuen wissenschaftlichen Betrachtungen auf die Stuttgarter Zeit eine aktuelle Sicht auf den ekstatisch-sinnlichen Farbdynamiker über Ergebnisse von Othmar Rychlik und Edwin Lachnit hinausgehend. Mit der Schau verabschiedet er sich als ehemaliger Direktor und Sammlungsleiter vom Leopold Museum, um als Kurator für die Zeit um 1900 ans Belvedere zurückzukehren, wo er seine Karriere begonnen hat.