Wien. Anfang der 1970er Jahre trat die 1943 in Wien geborene Künstlerin Renate Bertlmann, die den Großen Staatspreis 2017 erhält, auf internationalen Performance-Festivals in Wien, Bologna, Düsseldorf oder New York auf. Die ersten Happenings in Amerika und der Beginn des Aktionismus in Wien als feministische Antwort folgten. Sie lernte Gina Pane oder Marina Abramović kennen, die frühe Phase von Teamwork brachte sie mit Kolleginnen zum Experimentalfilm, nebenbei erweiterte sie die Fotografie und rüttelte mit ihren Objekten aus Latex - teils von Utensilien aus Sexshop (Puppen und Dildos) und der Kleinkindabteilung (Schnuller, Gartenzwerge) nachgegossen - an den Grundfesten der patriarchalischen Gesellschaftsordnung.

Bertlmanns Mischung von Ironie, Utopie, Kitsch und Pornografie unter ihrem Motto "Amo ergo sum" waren im Ernst der österreichischen Avantgarde unbeliebt. Ihr "Stammhalter im Brutkasten" ist ein weiß bandagiertes Pendant zu Louise Bourgeois‘ schwarzem Phallusfetisch "Filette". Ihre Installation für den "Hl. Erectus" kratze an kirchlichen wie staatlichen Tabus. Auch in Deutschland wurde sie von Ausstellungen ausgeladen, weil ihre Werke selbst die Kuratoren schockierten. So erreichte sie lange Jahre nur ein intellektuelles Insiderpublikum.

Zum Brautthema assoziierte sie Rollstuhl und Klingelbeutel, um die Verteilung der Geschlechterrollen mit einer Ikonografie der Peinlichkeit zu entlarven. Das Publikum wurde aufgefordert, sie als "Schwangere Braut im Rollstuhl" zu schieben, um das Babygeschrei aus ihrem Bauch zu stoppen, die "Streicheleinheiten" aus Latex, die zum "Waschtag" auf Leinen hingen, sollten berührt werden, da ihr die Zärtlichkeit im Geschlechterkampf zu wenig berücksichtigt schien. Daneben zeichnete sie Patronengürtel aus stacheligen Präservativen. Durchaus aggressiv sind auch die Messer für die Installation "Wurfmesserbraut".

Umstritten war Bertlmanns dem Individualstil widersprechender Wechsel der Medien, das Benützen des Körpers als künstlerische Projektionsfläche und neben erotischen Tabus auch das Einbeziehen von Kitsch. Zu diesem virulenten Thema der Gegenwartskunst hat sie bereits 1993 eine der "Wiener Vorlesungen" gehalten, ein Symposion organisiert und Objekte wie Fotoserien geschaffen. Sie war in der Lehre und als "künstlerische Forscherin" wie auch als Kuratorin im Zusammenhang mit der IntAkt und der Fotoinitiative Fluss (deren Mitgründerin sie ist) tätig.

Bertlmann ist Pionierin eines erweiterten Kunstbegriffs in Wien und ihre an den Körper anzulegenden Werke aus Latex sind weiche Pendants zu Franz Wests "Passstücken". Der klare Hinweis auf erotische Prothesen für Männer wie Frauen mit ihren Kunstobjekten brachten sie ins Kreuzfeuer beider Seiten, da auch die feministische Szene auf ihren Trivialmythen beharrte und die Irrtümer des "kulturellen Feminismus" oder die heute vergessene Suche nach einer eigenen weiblichen Ästhetik nicht entlarvt sehen wollte. Bertlmanns Ahnen sind Marcel Duchamp oder Hanna Höchs "Brautikonografie". Der Witz einer Martha Rosler, Hannah Wilke oder Cindy Sherman in Bezug auf Mutter- und Männermythen lief parallel dazu, wie auch die von Bertlmann beschworenen ambivalenten Kräfte des Eros im Rollentausch dieser Zeit, zu finden etwa bei Jürgen Klauke und Urs Lüthi, wichtig sind. Die Fotoserie "Renée oder René" ist ihre bekannteste Inszenierung in Richtung "Trans- oder Crossgender".

In die Kunstgeschichte eingeschrieben hat sich Bertlmann mit ihrem Beitrag zur "Magna Feminismus"-Schau in der Wiener Avantgardegalerie nächst St. Stephan 1975. Nach ihren Beiträgen zur Wanderschau "Feministische Avantgarde" von Gabriele Schor durch ganz Europa (2017 auch im Mumok) und ihrer Teilnahme an "The World goes Pop" 2015 in der Tate Modern nahm sie auch eine Londoner Galerie unter Vertrag.