• vom 10.10.2017, 16:05 Uhr

Kunst

Update: 10.10.2017, 16:50 Uhr

Matthias Arndt

Die Überwindung des Marianengrabens




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Von Christof Habres

  • Zeitgenössische Kunst aus dem asiatisch-pazifischen Raum: Ein Gespräch mit dem Kunstvermittler Matthias Arndt.

Die Kunst des asiatischen Raums erobert sich ein Feld des europäischen Marktes.

Die Kunst des asiatischen Raums erobert sich ein Feld des europäischen Marktes.© Katharina Stögmüller Die Kunst des asiatischen Raums erobert sich ein Feld des europäischen Marktes.© Katharina Stögmüller

Wien. Er ist sehr tief, der Graben zwischen den zeitgenössischen Kunstwelten von Ost und West. Die diversen Kunstszenen in Staaten des Fernen Ostens wie Indien, China, Indonesien, Australien oder den Philippinen präsentieren sich dem Großteil von Kunstinteressierten und Sammlern als "Terra Incognita". Obwohl der Graben in den letzten Jahren durch Kunstmessen, Ausstellungen und gezielte Vermittlungsarbeit verkleinert und die gegenseitige Annäherung gefördert werden konnte.

Ein Mann, der seit mehr als sieben Jahren viel Aufklärungs- und Vermittlungsarbeit in dem Bereich geleistet hat, ist der deutsche Galerist, Kunstvermittler und Kurator Matthias Arndt. Arndt hat bis zu seiner Rückkehr nach Berlin vor ein paar Monaten für knapp sechs Jahre im pazifisch-asiatischen Raum, in Singapur und Australien, gelebt. Er hat sich intensiv mit den Kunstszenen vor Ort auseinandergesetzt. Was hat einen angesehenen, international tätigen Galeristen (Arndt & Partner) dazu gebracht, sich in diesen fernen Regionen umzutun? Ein Kunsthändler, der erfolgreich bei Kunstmessen von Mexiko über New York bis Basel teilgenommen hat?

Information

"Terra Incognita", kuratiert von Matthias Arndt, ist zu sehen bis 28. Oktober 2017 in der Galerie Hilger (1010, Dorotheergasse 5)


Matthias Arndt bringt die Kunst aus dem asiatischen Raum nach Europa.

Matthias Arndt bringt die Kunst aus dem asiatischen Raum nach Europa.© Bernd Borchardt Matthias Arndt bringt die Kunst aus dem asiatischen Raum nach Europa.© Bernd Borchardt

"Manchmal sollte man den Mund nicht zu voll nehmen", erzählt er mit einem Lächeln im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" vom Anfang seiner Asien-Expeditionen. Im Jahr 2010 hat er in Interviews angekündigt, etwas "vollkommen Neues" machen zu wollen und sich aus dem Tagesgeschäft zurückzuziehen. In welcher Form das passieren würde, wusste er noch nicht genau.

Regionale Strukturen

Der Umzug nach Australien aus familiären Gründen war der entscheidende Auslöser: In den folgenden Jahren erforschte Arndt mit Passion die aktuellen Kunstszenen in Australien, Indonesien und den Philippinen. Er hatte, wie er offen eingesteht, auch wenig Ahnung von den künstlerischen Strukturen, der regionalen Kunstgeschichte und den kunstmarkttechnischen Organisationsformen in den Ländern. Bei Besuchen von und Teilnahmen bei Messen in Shanghai oder Hongkong ging es ihm wie vielen anderen seiner Kollegen aus Europa und Amerika, als sie mit der zeitgenössischen Kunst aus Asien konfrontiert wurden: Die Emotionen schwankten zwischen barem Erstaunen und arrogantem Belächeln. Verbunden mit den Fragen: Wie und wo sollen die künstlerischen Ausdrucksformen im jahrzehntelang ausformulierten und praktiziertem westlichen Wertekanon Platz finden? Wie können Kuratoren sowie Sammler die Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern kategorisieren, wenn fast jede Referenz fehlt, was Ausstellungen oder Präsentationen in relevanten Galerien oder Institutionen betrifft?

Matthias Arndt hat sich systematisch durch die Szenen der einzelnen Staaten gearbeitet. Sich deren Geschichte angeeignet und bei zahlreichen Besuchen in Künstlerateliers die Konzepte und Herangehensweisen intensiv studiert. "Was in Europa oder in den USA oft als Folklore oder naive Kunst interpretiert wird, weil oft Handarbeit und Kunsthandwerk im Mittelpunkt stehen, entpuppt sich bei präziser Vertiefung als gesellschaftskritischer Kunstdiskurs", stellt Arndt fest. Des Weiteren betont er, dass es in den Ländern (außer in Australien) kaum Galerien, zeitgenössische Museen oder Kunstinstitutionen gibt. Dafür existieren zahlreiche von Künstlern geleitete Räume, die Ausstellungen organisieren. Auch bei privaten Museen hat Arndt noch Aufholbedarf entdeckt.

Also besteht starker Entwicklungsbedarf? Das verneint Arndt: Es existieren zahlreiche Sammler, die ihre Ankäufe auf heimische Künstler fokussieren. "Es war und ist nicht einfach, als europäischer Sammler Werke zu bekommen", erzählt Arndt. "Wir dürfen uns nicht täuschen, dass die Künstler unbedingt auf Ankäufe aus dem Westen angewiesen sind. Die meisten ihrer Werke unterliegen einer massiven Nachfrage - entweder von Sammlern oder Auktionshäuser in den Ländern." Bei Auktionen kann es aufgrund der hohen Nachfrage zu überraschenden Preissprüngen kommen, die dann von internationalen Beobachtern misstrauisch beäugt werden, weil eben die Referenzen fehlen.

Erfolg vor Ort

Die eigene Marktsituation bringt es aber mit sich, dass es für Künstler gar nicht notwendig ist, Werke an Galerien und Kunsthändler in Europa oder den Vereinigten Staaten zu geben, wenn sie die vor Ort erfolgreich verkaufen können - ohne Kommissionen an Galerien abgeben zu müssen.

Matthias Arndt hatte einiges an Aufklärungsarbeit zu leisten, um Künstler zu überzeugen, Arbeiten für Ausstellungen und Verkäufe freizugeben, um sie international bekannter und nachgefragter zu machen. Seit verhältnismäßig kurzer Zeit steigern sich die Anfragen signifikant. Museen und Galerien präsentieren immer öfter Kunst aus Asien. Wie es die Galerie Hilger Next mit der Ausstellung "Terra Incognita" tut: Matthias Arndt rückt mit der schlüssig zusammengestellten Schau einige essenzielle wie stark unterschiedliche Aspekte zeitgenössischen Kunstgeschehens in den Mittelpunkt - wie die Skulpturen von Entang Wiharso (Indonesien), die intensiven Tapisserien von Eko Nugroho (Indonesien), die bemerkenswerten Malereien von Zean Cabangis (Philippinen) oder die Rauminstallation von José Santos (Philippinen). Eine - im positiven Sinne - fordernde Ausstellung für die man sich ausreichend Zeit nehmen sollte, um sich mit den Exponaten und den (Hintergrund-)Geschichten eingehender zu beschäftigen.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-10-10 16:09:11
Letzte Änderung am 2017-10-10 16:50:10


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