Als Ferdinand Hodler (1853- 1918) in der Wiener Secession 1904 mit über dreißig Gemälden auftrat, sprach Kunstkritiker Ludwig Hevesi von der "barbarischen Eleganz" seiner monumentalen Figuren. Franz Servaes stellte ihn in eine Linie mit Arnold Böcklin und Giovanni Segantini. Es war sein künstlerischer Durchbruch mit 51 Jahren, nachdem er in der Schweiz herber Kritik ausgesetzt war, fand er hier auch finanzielle Unterstützung durch wesentliche Sammler. Heute wird Hodler, parallel zu Gustav Klimt, vor allem als Bahnbrecher gesehen, der fast bis zur Abstraktion vorankam, nachdem er von einem Schüler der Schule von Barbizon die Plein-Air-Malerei aufgenommen hatte, dann aber Vertreter des Symbolismus und Wegbereiter des Expressionismus war. Seine wichtige Rolle für Oskar Kokoschka, Egon Schiele und Kolo Moser ist eines der Leitthemen einer mit hundert Gemälden und vierzig Zeichnungen umfassenden Schau des Leopold Museums.

Der auserwählte Mann

Der Untertitel "Wahlverwandtschaften von Klimt bis Schiele" verweist auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse der Bezüge, die gemeinsam mit dem Archiv Jura Brüschweiler in Genf von Susanne Längle erarbeitet wurden. Im Katalog nachzulesen sind etwa 150 zum Teil noch unveröffentlichte Archivalien vom Malkasten und der Palette des Künstlers über Fotografien bis zu Briefen und Texten, manches davon ist auch ausgestellt. Der Neufund eines Briefes an Servaes über Hodlers Kompositionsprinzip des "Parallelismus" zur Vermeidung der Zentralperspektive ist dabei so wesentlich wie Klimts erste Ausstellungseinladung an den Künstler 1897 oder die Unterlagen zum "Hodlerstreit", den Albin Egger-Lienz vom Zaun brach.

So gesehen unterscheidet sich die Ausstellung von allen drei bisher in Österreich gezeigten, aber auch von einer aktuellen Retrospektive der Kunsthalle Bonn.

Die größtenteils chronologische Ordnung wird immer wieder mit Themeninseln unterbrochen, auch um die Verwandtschaften und direkten Bezüge zu Wien hervorzuheben. "Von den Modernen schätze ich Klimt äußerst hoch" - dieser Aussage Hodlers entsprechen vor allem die Auffassung der Figuren, ornamentale Elemente und eine ähnliche Landschaftsauffassung. Inhaltlich steht für beide Künstler der auserwählte Mann beispielhaft für die Zeit um 1900, der einsam auf einem Felsen steht oder von Frauen angebetet wird wie in "Der Frühling IV".

Die kompromisslose Hingabe und Wahrheitssuche ist ein fast religiös aufgefasster Bezug zur Kunst, den beide neben spiritualistischen und pantheistischen Neigungen verfolgten. Jedoch bleibt Hodler, besonders zu sehen mit "Wilhelm Tell" oder "Die Wahrheit" monumentaler, plastischer in der Figurenauffassung, damit männlicher, auch wenn er die sinnliche synästhetische Beziehung zu Musik und Tanz der Secessionisten noch erweiterte durch seine theoretische Kenntnis der Schriften Emile Jaques-Dalcroze über rhythmische Bewegung.

Eine Ohrfeige

Alma Mahler beschrieb den Schweizer als ungeschlacht und wie einen Baum, ließ sich aber offenbar porträtieren von ihm. Von Bertha Zuckerkandl fing sich der Hodler während der Wiener Aufenthalte sogar eine Ohrfeige ein.

Er ließ sich seine vornehme Genfer Wohnung von Josef Hoffmann gestalten. Hodler solidarisierte sich 1905 mit den Stilisten um Klimt gegen die Realisten und trat aus der Secession aus. Er blieb aber Mitglied der Münchner und Berliner Secession, bis ihm wegen seines Protests gegen die Bombardierung der Kathedrale in Reims durch die Deutschen alle Mitgliedschaften aberkannt wurden; ab 1908 war der zuweilen unterrichtende Maler aber Präsident der Schweizer Künstlervereinigung.

Hodler stammte aus dem Berner Armenviertel, seine Eltern und Geschwister starben früh. Er hatte als Souvenirlandschaften- und Dekorationsmaler begonnen und bekam seine akademische Ausbildung nur mit Hilfe eines Freiplatzes in der Kunstschule ab 1871. Eine Reihe von Selbstbildnissen als Eröffnung der Schau kann seine stilistischen Umbrüche wie die vielen Schicksalsschläge verdeutlichen, denn sie beginnen im Alter von 19 Jahren und gehen bis ein Jahr vor seinem Tod. Auch die Landschaft bildet zwei Themenkreise, von noch dunklen Wäldern und Bäumen über die eindrucksvolle "Lawine" 1887 bis zu den aufgelösten Seenlandschaften, die er, bereits schwer lungenkrank, aus dem Fenster seiner Wohnung in Genf mit Blick auf den Mont-Blanc malte. Berge, Flusstäler und Seen, in denen Nebel und Wolken in hellen Tönen zum Hauptakzent werden, sind tatsächlich mit Kolo Moser oder Klimt verwandt.

Der Seelenforscher

Auch wenn Hodler in seinen Hauptwerken, die er oft in Varianten abhandelte wie "Die Empfindung III" oder "Blick in die Unendlichkeit" Umriss und Form über die Farbwirkung stellte und er in seinen theoretischen Texten "Parallelismus" und Symmetrie als moderne Abkehr vom Realismus verkündete, sind seine Landschaften weniger abstrakt als die Klimts.

Der Seelenzustand der Menschen war ihm für die Gesten und tänzerischen Bewegungen seiner Figuren wichtig: Seine Aussage "Das Herz ist mein Auge" gilt für Selbstbildnisse, Porträts und vor allem für die 50 Ölbilder, 130 Zeichnungen, 200 Skizzen und die eine Skulptur, die er zu Krankheit und Tod seiner späten Lebensgefährtin Valentine Godé-Darel schuf. Die krebskranke Mutter seiner Tochter Paulette macht ihn zum Seelenforscher, der ab den 1970ern auch die Feministinnen bewegte, da er versuchte, durch die Kunst über das Unausweichliche des Todes hinwegzukommen. Die Schau endet mit einem Raum, in dem die Büste, einige Ölporträts und das Gemälde der Aufgebahrten aus Privatbesitz neben eindrucksvollen Skizzen präsentiert werden.