Die iPhones und die Genesis: Alicja Kwade bindet den Mythos an unsere Gegenwart an. - © Roman März
Die iPhones und die Genesis: Alicja Kwade bindet den Mythos an unsere Gegenwart an. - © Roman März

"Stars are never sleeping, Dead ones and the living. We live closer to the earth, never to the heavens. The stars are never far away", singt David Bowie in "The Stars (Are Out Tonight)". Der Mensch war schon immer fasziniert vom Sternenhimmel, vom Universum, das da irgendwo über ihm thront und ihn umgibt. Angezogen von den Sternen als romantischem Sehnsuchtsort, in warmen Sommernächten auf der Wiese liegend beobachtet, vermitteln sie ein Gefühl der relativen Kleinheit, dienen als Orientierung und Bezugssystem für Menschen und Tiere, sind selbst Forschungsobjekte.

Wie David Bowie regen die Sterne auch Künstler aller Genres zum Staunen, Forschen und Beobachten an. Das Linzer Kunstmuseum Lentos hat dem Phänomen des Nachthimmels eine ganze Ausstellung gewidmet, mit 90 Künstlerinnen und Künstlern, die sich in verschiedensten Formen mit dem Thema beschäftigen.

Die Drohung des Morgensterns


Eine ungewohnte Geborgenheit im riesigen Großen Saal empfängt die Besucher gleich zu Beginn: An eingezogenen Wänden verlaufen Blautöne von zartem Himmelblau bis zum dunklen Blau der Dämmerung. An der Decke baumelt ein gigantischer Luster aus tausenden 1-Cent-Stücken von Julia Bornefeld. Wer sich unter ihn stellt, fühlt sich ein wenig wie das Mädchen in Grimms Märchen vom Sterntaler.

Märchenhaft, mystisch und meist monochrom geht es weiter durch die Schau. Ausgangspunkt für die Ausstellung, die noch von der ehemaligen Direktorin Stella Rollig initiiert und von Elisabeth Nowak-Thaller und Sabine Fellner kuratiert wurde, war die zunehmende Lichtverschmutzung in großen Städten. Dass Menschen in Ballungsräumen mit ihrer Flut an künstlichem Licht den Nachthimmel nicht mehr sehen, ist mehr als nur eine bedauernswerte Folge des Fortschritts, erklären die Kuratorinnen: Menschen und Tieren geht damit die innere Uhr, eine archaische Form der Orientierung verloren.

Mit der Utopie stockdunkler Großstädte beschäftigt sich Fotograf Thierry Cohen in seiner fesselnden Fotoserie "Darkened Cities": Auf den Bildern von Sao Paulo, Paris und Shanghai sind alle Lichter ausgeschaltet - und die Städte wirken eigenartig ausgestorben. Über den Mega-Cities im Dunkeln funkeln die Sterne, dichte und strahlende Sternenhimmel, die an diesen Plätzen sonst nicht mehr zu sehen sind.

Werke von Alfons Walde oder Arnold Schönberg zeigen als Ergänzung dazu den früheren Zauber düsterer Dörfer und Städte.

Ein besonderes Exponat der Ausstellung ist in einem Videoraum verborgen: Hans Op de Beeks Animationsfilm "Night Time" zeigt in meditativen Schwarz-Weiß-Bildern Szenen einer Nacht - vom Regen am Hafen, dem Einfahren der letzten Straßenbahn, das Flackern einer Kerze. Die Assoziationen zu Sternen sind aber nicht nur beschaulich: Ein gigantischer glänzender "Morgenstern" spielt mit der Doppeldeutigkeit seines Namens, der ja auch Bezeichnung für eine mittelalterliche Waffe ist. Dieser "Nomos Basileus" - wie viele andere Werke eine Leihgabe des Belvedere - schwebt über dem Kapitel der "Bedrohung" durch den Himmel. Noch vor wenigen Jahrhunderten hatten die Menschen Angst, der Himmel könne ihnen auf den Kopf fallen. Tatsächliche Boten aus dem Himmel sind Meteoriten, die auf der Erde einschlagen. Nives Widauer, die sich als Künstlerin und Autorin mit Meteoriten beschäftigt, verarbeitete einen Meteoriten ihrer Sammlung in eine Skulptur, aus der nun die archaische Göttin "MeteoRita" wurde, Barbara Anna Husar formte aus einer Reihe von Küchensieben eine "Meteoritenfalle".

Ins Universum hinaus


Zu einer fast kindlichen Begeisterung bringen die Objekte im hinteren Teil der Ausstellung: Glitzernde Sterne auf Angela Bullochs Lichtinstallation "Night Sky: Aquarius Pegasus", Anselm Kiefers Großformat "Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir" sowie flirrende Projektionen von Birgitta Weimer, die aus kapselförmigen Objekten auf dem Boden kommen.

Ugo Rondinone malt den exakten Sternenhimmel des 24. Mai 2012, Klemens Brosch versucht, die Milchstraße festzuhalten, Gerhard Richter bringt in "Sternbild" die unendliche Weite des Himmels auf die Leinwand.

Je näher das Ende der Ausstellung kommt, umso weiter geht es ins Universum hinaus - und zu seiner Vermessung und Erfassung, die Menschen seit jeher beschäftigt. Eine Installation von Alicja Kwade führt gleich mitten ins Universum: Auf einem überdimensionalen Mobile hängen 24 iPhones, die via GPS Kontakt mit Satelliten halten, Siri liest aus der Genesis vor. Manchmal passt das ganze Universum auch auf ein Smartphone.

ausstellung

Sterne

Kosmische Kunst

von 1900 bis heute

Lentos Kunstmuseum

Bis 14. Jänner 2018