Roses Tatouées #6, 2004. - © Kunsthalle Wien 2017
Roses Tatouées #6, 2004. - © Kunsthalle Wien 2017

Zwar ist in der Kunsthallen-Ausstellung "Publishing as an Artistic Toolbox" von den Kunstbücher-Vorbildern im Surrealismus und auch den goldenen Jahrzehnten 1960 bis 1980 die Rede, aber an sich bedient die Schau über viele Facetten künstlerischer Publikationen die Jahrzehnte nach 1989. Der Fall der Mauer und die digitale Revolution markieren politischen wie technischen Ausgangspunkt nach einer Flaute des Künstlerbuchs in den Achtzigern. Die allerdings von Gerhard Rühm auch ganz gut gefüllt wurde, wie seine Personale im nahen Kunstforum vorführt. Doch veränderte sich seit 1990 auch die Sicht auf Autorschaft, die Partizipation des Publikums und das Drucken wurde digital um einiges günstiger. E-Books und E-Reader waren nicht der Tod des Künstlerbuchs, sondern leiteten eine trotzige Gegenreaktion ein.

Zwei Jahre Vorlaufzeit wirkt im ersten Moment in der von Rio Grande und den Designstudio Dallas gestalteten Schau etwas lange, vor dem Hauptraum ist das Buchgeschäft als Medium von Gregorio Magnani und Motto Books noch ein monumentaler Tisch mit eigenständigen Kunstwerken in Buchform, die meist in kleinen Auflagen dieses Gegenbild zum Büchersterben aufnahmen, wobei versucht wurde viele Künstlerinnen und Teams aufzunehmen und auch außer Europa, Amerika zu blicken. Manche Künstlerin wünschte sich in die Frühzeit eines Francisco Goya zurück und träumte vom Verkauf ihrer Bücher auf Flughäfen und in Drugstores, auf jeden Fall ohne Kunstmarkt und Galerie in neuen Verbreitungsnetzen.

So bieten auch die elf Kapitel der Schau auf drei Dachkonstruktionen mit mehreren Halteleisten an den roten Ziegeln für die vielen Formate von Buch über Magazin bis zu Zeitung und Buchobjekt verschiedenste Ansätze. Eine Nummer am Dachreiter lenkt zu dazugehörigen Wandtexten. Die unberührbaren Einzelstücke sind unter Plexiglas situiert, vieles darf aber berührt und durchgeblättert oder auch gelesen werden. Allerdings sind die wenigen Bänke an der Wand kaum einladend länger zu verweilen, ein Widerspruch in sich bei einem doch intimen Thema. Doch das Paradox ergibt sich ja auf Kunstbuchmessen meist genauso. 35 Künstlerpositionen stellen vor, welche Bücher sie zum Publizieren von Kunstbüchern verleiteten, das geht vom Lexikon bis zur Kunsttheorie, Heimo Zobernig stellt Klaus Theweleits "Buch der Königstöchter", Hartmut Böhme und Pierre Bourdieu neben seinen Katalog eigener Bücher, Cover und Plakate.

Intervention auf Papier

Künstlerische Interventionen in Zeitungen sind ein weiteres Thema oder auch die Kunstmagazine, die von Künstlerteams oder Einzelpersonen hergestellt wurden und werden. Dabei waren die Projekte des Kunstvereins "museum in progress" besonders auffällig. Aber auch Mauricio Cattelan, Annette Messanger und Liam Gillick haben hier Spiele wie Farbwechsel, Abweichungen bei Serien, aber auch das Setzen von völlig Überraschendem wie streunenden Hunden (Fischli/Weiss), Löschen von Schrift, Durchbohren des Materials parat. Sie zeigen die enorme Breite politischer, irritierender oder auch nur langweiliger Interventionen. Print und digital als Ausgangspunkt von Forschungen, kuratorischem Experiment und durchlässigen Grenzen hin zu Verlagen kommen neben der "Botschaft als Medium" zur Sprache.

Eine Satelliten-Schau befindet sich in einem ehemaligen Atelier von Franz West in der Annagasse. Auf vier selbst konstruierten Metallregalen hatte der Künstler Bücher gelagert und mit Notizen versehen; nun sind dort 18 künstlerische Interventionen in diese Bücher teils sichtbar, teils versteckt, vorgenommen worden. Gelatin beehrt Pierre Klossowski mit erotischen Fotocollagen, die mittels Eselsohr befestigt sind, wobei das Eselsohr als unabsichtliche bis philosophisch gesetzte Zeitzäsur an sich schon einen eigenen Ausstellungsteil bilden könnte. Die offene Ironie passt wie die Kollaboration mit West zur Gruppe Gelatin West. Neben Federn, Figuren und Papieren hat Florian Graf in Ludwig Goldscheiders Da Vinci-Monografie von 1945 ein mit West erstelltes schmales Kunstmagazin eingefügt - nur mit Führung und mittels Liste können diese subtilen Ideen zum Thema aufgestöbert werden.