Florian Hecker verrückt die Hörgewohnheiten: "Resynthese FAVN". - © Jorit Aust
Florian Hecker verrückt die Hörgewohnheiten: "Resynthese FAVN". - © Jorit Aust

Die Ausstellung der Kunsthalle von Soundkünstler Florian Hecker entwickelt die Arbeit "Favn" für die Alte Oper in Frankfurt von 2016 weiter und zeigt zwei kleinere akustische Erfahrungsräume, von denen einer den Titel der ganzen Schau "Halluzination, Perspektive, Synthese" trägt. Der Hauptraum lebt von der Dunkelheit, dem Sound, der sich im Laufe des Tages in acht Variationen dem ehedem revolutionären Stück von Claude Debussy, "L’après-midi d’un faune", widmet und einer bühnenhaften beleuchteten Kombination von einer grünen Tapetenwand, vor der zwei skulpturale Elemente platziert sind: Eines wirkt wie ein hoher silberner Lautsprecher, das zweite wie ein Paravent aus biegsamem Holz. Daneben krümmen sich drei Lautsprecherboxentürme. Ob die zwei Skulpturen Resonanzkörper oder Podest für Sprecher sind, ist nicht die Frage, denn es stellen sich Erinnerungen anderer Art ein: 1912 sagte Auguste Rodin über den zu Debussys Stück tanzenden Vaslav Nijinsky, es handle sich um einen skulpturalen Akt und keinen Tanz.

Entsinnlichte Sinnlichkeit

Nun sind wir die wandernden Wahrnehmungsopfer im finsteren Raum, die halluzinatorische Bilder aus Immateriellem entwickeln sollen: Hecker scheint die Bezüge zu Wien genau recherchiert zu haben, als er hier studierte. Denn hier saß der polnisch-russische Tänzer nach seinem mit künstlerischen Skandalen einhergehenden psychischen Zusammenbruch in der Schweiz zwischen 1920 und 1923 mehrmals in der Klinik am Steinhof.

Heckers Psychoakustik spielt mit dem Verrücken von Hörgewohnheiten und entwickelt mit Computerstimme nach Stéphane Mallarmés Gedicht mit Mehrkanalinstallation die "Resynthese Favn". Die computergesteuerte Analyse hat eine den Körper angreifende, ihn aber auch phasenweise entspannende Wirkung. Die Sinnlichkeit von Nijinskys sexuell aufgeladenen Auftritt schwingt nicht mit.

Diesen Schritt in eine immaterielle Sound-Schiene hat der österreichische Künstler Bernhard Leitner ab den 1960er Jahren auf "documentas" als künstlerisches Raum-Konzept von Körper oder auch nur Körperteile durchdringenden Tönen vermittelt. Allerdings lässt er uns dabei in seinen skulpturalen Installationen die richtigen Plätze suchen und sein Wechsel von Stein, Metall oder Textil - zuletzt auch Plexiglas - sind weniger reduziert. Der Minimal Artist James Turrell ließ uns zudem mittels blauen Lichts in Zwischenreiche der Schwerelosigkeit abheben. Neben fast religiöse Ritualwegen gibt es vor allem in Außenräumen Klanginstallationen - wie die "Tonspurpassage" von Esther Stocker gleich neben der Kunsthalle. Sie alle sind Nachfahren des ersten Klangfarbe-Erlebniswegs plus Sound in der Secession 1902 mit der Beethovenausstellung, aber auch vom Bauhaus.

Änderung der Perspektiven

Hecker als Enkel der ersten Generation geht mit seinen synthetisch erzeugten "Aliensounds" heute weiter in verschwommene Felder, die Psycholinguistik kombinieren, dieses Fach hat er nach der Wiener Akademie in München studiert. Dabei wird der Erfahrungshorizont des Publikums in den fast kunstlos auf den Sound und die nötigen Geräte konzentrierten Räumen erweitert, aber auch durch die mit Algorithmen verformten Einzelstücke um einiges mehr strapaziert. Das involvierte Publikum muss seine Perspektiven also wieder ändern wie in Zeiten Debussys, Nijinskys und Mallarmés.

In den seitlich extra unter den Emporen positionierten Arbeiten "Affordance" von 2013 und "Halluzination, Perspektive, Synthese" von 2017 kann man sich allerdings bei längerem Aufenthalt leicht einen Tinnitus einfangen. Die Kooperation der Kunsthalle mit Wien Modern wird auch die Text-Soundwerke "Chimerization" von 2011/12 und "Synthetic Hinge" 2014/16 uraufführen für alle, die sich gerne in synästhetische Welten begeben und nicht als Augenmenschen in immaterieller Audiowelt verhungern.