War er ein Kind seiner Zeit oder seiner Zeit voraus? Muss die Kunstgeschichte umgeschrieben werden und erweitert um Victor Hugo, den bedeutenden Schriftsteller des 19. Jahrhunderts? Zu diesem Schluss könnte man kommen, wenn man die aktuelle Ausstellung im Leopold Museum betrachtet. Denn Victor Hugo benutzte Tinte und Feder nicht nur zum Schreiben, er kleckste auch, er klatschte, kritzelte und kratzte, wischte, riss, schnitt und faltete: Er schuf abstrakte Arbeiten, in denen das Prinzip Zufall den Ton angab. Außerdem malte und zeichnete Hugo, oftmals mit dem anderen Ende seiner Feder. Seine immer wiederkehrenden Motive - die Ozeane, Kathedralen, Ruinen, Felsen, Burgen und Schlösser - deutete er in seinen Arbeiten nur noch an. Viele Motive zeichnete er darüber hinaus aus der Erinnerung; sie sind eindrucksvoll detailverliebt, wie etwa seine Bilder von seinen Reisen entlang des Rheins zeigen. Mit der Freiheit, die er sich als anerkannter Schriftstellers leisten konnte, schuf der Maler Hugo für damalige Verhältnisse viel Neues: Rund 3500 künstlerische Werke sind von ihm überliefert, ein Großteil davon befindet sich in der Nationalbibliothek in Paris, einige hundert in den Maisons de Victor Hugo, die Reste sind auf Privatsammlungen verstreut.

Erstmals in Österreich weist das Leopold Museum nun in Hugos Werk abseits von Lyrik und Prosa ein. Rund 60 Blätter sind im Grafischen Kabinett ausgestellt. Die meist sehr kleinen Bilder geben einen guten Überblick über den Charakter seiner Werke und zeugen eindringlich von der Freizügigkeit, mit der Hugo visualisierte. Seine Arbeiten sind zugleich auch eine großartige Erkundung von Schwarz, in allen Facetten dank der verwendeten Färbungs-, Verdünnungs- oder Sättigungstechniken. Dass er auch Kaffeesatz benutzt hätte, wie oft behauptet, das wurde mittlerweile durch Expertisen widerlegt.

"Justitia", Hugos bekanntestes Werks aus dem Jahr 1857, sein Mahnmal gegen die Todesstrafe, das durch den dargestellten Schrecken in Form eines leuchtenden Kopfes des Gehängten, der mit aufgerissenem Mund nach oben starrt, besticht, sucht man unter den Exponaten leider vergeblich. Zwar wird Hugo in der aktuellen Ausstellung als Homo politicus beschrieben, vor allem bezüglich seiner Exilierung und als europäisch Denkender. Hugo als sozialkritischer Künstler, nicht nur in Wort, sondern auch in Bild, wird hingegen kaum thematisiert. So bleibt seine Unterstützung für die Pariser Kommune ebenso eine Randnotiz wie sein lebenslanger Kampf gegen die Todesstrafe. Als Kind musste er eine Hinrichtung mitansehen, ein Albtraum, der ihn ein Leben lang nicht mehr losließ. Allerdings sind zwei Werke zu diesem Thema in der aktuellen Ausstellung zu sehen: zum einen das Bild "Der Galgen von Montfaucon" (1847) über die berüchtigte Hinrichtungsstätte Frankreichs im Mittelalter, sowie das sehr kleine Bild "Landschaft mit Galgen auf Guernsey" (1860).

Scherz und Spielerei


Kurator Ivan Ristić hat im Katalog zur Ausstellung einen ausführlichen Essay über die Bandbreite von Hugos Techniken und deren Relevanz bis heute beigesteuert, begleitet wird dieser von einer Auseinandersetzung des Kunsthistorikers Raphael Rosenberg mit der Vorreiterrolle Hugos in der Malerei. Hugo als Visionär der abstrakten Kunst des 20. Jahrhunderts? Das Entscheidende sei, so Rosenberg, dass der Franzose "en passant" arbeitete, also "ohne Absicht", wie Hugo es selbst formulierte. Er malte aus Spaß, für sich, für seine Freunde und stellte zu Lebzeiten seine Werke nicht aus. Des Weiteren waren amimetische Bilder im 19. Jahrhundert nichts Ungewöhnliches: Sie kamen in privaten Zirkeln und in den Ateliers der Maler des 19. Jahrhunderts öfter vor. Abstraktion und Gegenständlichkeit wurden hingegen erst im frühen 20. Jahrhundert zu fundamentalen Gegensätzen. Allerdings blieben Hugos Arbeiten nicht ohne Konsequenz: Künstler wie Paul Klee, Max Ernst oder Günter Brus ließen sich vom bildnerischen Werk Hugos beeinflussen.

AUSSTELLUNG

Victor Hugo: Der schwarze Romantiker

Leopold Museum

Bis 15. Jänner 2018