Was hat er denn da versteckt, der Gerhard Frömel? Die Farbe Gelb. ("Dahinter", Acryllack auf Alu.) - © Eduard Tauss, Courtesy: Galerie Lindner
Was hat er denn da versteckt, der Gerhard Frömel? Die Farbe Gelb. ("Dahinter", Acryllack auf Alu.) - © Eduard Tauss, Courtesy: Galerie Lindner

Er schnappt sich den Moment

(cai) Da will wohl einer wirklich auf Nummer sicher gehen. (Das ist ja wie Gürtel und zusätzlich noch Hosenträger.) Den Moment hält er nicht bloß mit der Kamera fest, er verschnürt ihn obendrein gründlich. Vorher. Der entkommt ihm garantiert nimmer. Oder eigentlich fesselt er nicht ihn, sondern sie. Nämlich die hübschen Asiatinnen.

Sooo viele Polaroids. Und alle aus demselben Jahr. (1985.) Kimonos, sittsam geschlossen oder schamlos aufgerissen, und Seile. Das Werk eines perversen Serientäters? Nein, von Nobuyoshi Araki. Und die Frauen haben natürlich freiwillig mitgemacht. Galerist Johannes Faber: "Wir in Europa glauben immer, das hat mit SM zu tun." In Japan ist Bondage eine Kunst. Okay, eine erotischere als Origami. (Auch wenn das Papier seinem Meister ebenso völlig ausgeliefert ist.) Die oft schockierende Unmittelbarkeit der Fotos kommt von der brutalen Einfach-so-Ästhetik. Faber: "Es gibt keine Inszenierungen in dem Sinn, nur Aufnahmen." Und überall Spannungen. Zwischen keuschem Lächeln und offensiver Erotik, Traditionskleidung und Plastikrequisiten.

Noch drastischer prallen altes und modernes Tokio in einer abgründigen Bilderfolge aufeinander, wo Araki ebenfalls unter die Obi-Linie der japanischen Gesellschaft blickt (Obi: dieser Bindegürtel). Mit raffinierter Unaufdringlichkeit zieht sich die Farbe Rot durch die lose Erzählung: ein Slip, Verkehrshütchen, blutige Verbände, Marmelade auf der Vulva. Und wem das alles zu schnappschussartig ist (oder Arakis Kamera zu phallisch), der schaut sich halt die sehr ästhetischen Heliogravüren an. Wie Radierungen gedruckte Fotos. Melancholische Blumenstillleben und pittoreske Wolkenstimmungen. "Meine Frau ist gestorben und ich hab den Himmel fotografiert." Statt Fleisch in irdischen Fesseln.

Galerie Johannes Faber

(Brahmsplatz 7)

Nobuyoshi Araki, bis 2. Dezember

Di. - Fr.: 14 - 18 Uhr

Sa.: 11 - 17 Uhr

Schauen ist ein gutes Workout

(cai) 3D ist dem 2D sein -? Hm. Sein Tod vielleicht? Nein, natürlich sein Effekt! Der Dativ, der ist der Mörder. Der bringt regelmäßig wen um. (Den Genitiv.) Aber hier geht’s ja jetzt nicht um Grammatik, sondern um Geometrie.

Mit der kennt sich der Gerhard Frömel aus. Mit 3D-Effekten sowieso. Schließlich erzeugt er jede Menge davon. Aus Alu-Blech (das er knickt, zerschneidet, kippt) und Acryllack. Der Perfektionist (na ja, ein gelernter Schildermaler eben) ist offenbar so ein Do-it-yourself-Freak. Der macht wirklich noch alles selbst. Transportiert es auch selber, hängt es selber auf und holt’s am Ende der Ausstellung wieder ab. Okay, das Publikum darf ebenfalls nicht faul herumstehen. Das muss nämlich die Flächen, geraden und schiefen Ebenen richtig zusammenbasteln. Zu einem Würfel, einem dicken Dreieck . . . (Äh, zu einem Prisma?) Indem es den idealen Blickwinkel findet. Eigentlich muss man diese Wandobjekte (genial einfache Irritationen) mit derselben Präzision betrachten, mit der sie gemacht worden sind. Muss sich dabei auf die Zehenspitzen stellen, in die Knie gehen. (Nicht dass ein Besuch in der Galerie Lindner das Fitnessstudio ersetzt.) Sogar Metallstäbe muss man verbiegen. Zu einem Quadrat zum Beispiel. Ist das diese ominöse kinetische Kunst? Nein, hallo? Der Betrachter ist kinetisch! Der schaut jedenfalls auch mit den Füßen. Und macht Kniebeugen.

Gern versteckt der "Illusionskünstler" leuchtende Farben, die einen dann aus dem Hinterhalt anspringen. Ein Gelb sickert mysteriös aus einem schwebenden Schwarz raus wie eine Aura. Aha, die Rückseite vom Schwarz ist gelb. ("Dahinter, zweiteilig.") Apropos zweiteilig: Wie, das Opus "Freiraum" ist dreiteilig? Ich seh bloß zwei Teile. Aber bekanntlich kann man ja auf drei verschiedene Arten zählen: genau und anders. Oh, stimmt eh. Der Frömel hat halt die exakt platzierte Leere zwischen den beiden Aluteilen mit einkalkuliert. Die weiße Wand. Ohne die funktioniert die optische Täuschung (ein Quader) nicht. Minimalisten haben also doch Humor. Ein bissl.

Galerie Lindner Wien

(Schmalzhofgasse 13/3)

Gerhard Frömel, bis 22. Dezember

Do., Fr.: 14 - 18 Uhr