Christie’s-Auktionator Jussi Pylkannen bei der Versteigerung von Leonardo da Vincis Bild "Erlöser der Welt". - © ap/Julie Jacobson
Christie’s-Auktionator Jussi Pylkannen bei der Versteigerung von Leonardo da Vincis Bild "Erlöser der Welt". - © ap/Julie Jacobson

New York. Im Buch war der Preis um etwa 30 britische Pfund höher. Die Romanfigur Annie hatte für ein kleines, unscheinbares Ölgemälde in einem Trödelgeschäft in London 75 Pfund zu bezahlen. Dieser Ankauf ist der Auftakt einer schwindelerregenden Tour de Force durch die Kunstwelt, zwischen Intrigen, Sex, Eifersucht, Täuschungsmanöver und Kapitalverbrechen. Nachdem sich im Lauf des Buches herausstellt, dass die staubige Preziose in Öl eine lange verschollene Arbeit eines bekannten Rokoko-Malers ist, gibt es kein Halten mehr.

Zahlreiche Kunsthändler, Vermittler und Auktionshäuser machen Jagd auf das Werk, um es dem Bestbieter verkaufen zu können. Bis es in einem renommierten Auktionshaus landet, wird mit allen Mitteln darum gekämpft und selbst vor Gewaltverbrechen nicht zurückgeschreckt. Der Hype um die kunsthistorisch enorm bedeutsame Wiederentdeckung erzeugt bei Kunstsammlern eine unbremsbare Begehrlichkeit rund um den Globus, die darin mündet, dass sich der Schätzwert des Auktionators letztendlich bei einer halben Milliarde - Euro, Dollar oder Pfund - einpendelt.

Das Buch "Die Launenhaftigkeit der Liebe" von Hannah Rothschild ist ein überaus spannender Roman mit überraschendem Ende. Aber eben reine Fiktion. Bis zur vergangenen Woche.

Wem gehört‘s?


Als am 15. November im Auktionshaus Christie’s in New York das Werk "Salvator Mundi" von Leonardo da Vinci für mehr als 450 Millionen Dollar versteigert wurde, fühlten sich viele Leser von Rothschilds Buch frappant an dessen Inhalt erinnert. Und sei es nur der geringe Verkaufspreis: Im Buch waren es 75 Pfund, beim Leonardo waren es 45 Dollar.

Normalerweise dienen derartig unglaubliche Rekorde und die dahinterstehende Geschichte als Vorlage für Romane. In diesem Fall erscheint die Abfolge umgekehrt und die Realität erinnert mehr an "James Bond"-Thriller oder an "Da Vinci Code" von Dan Brown als an Akteure, die sich kühl kalkulierend auf dem Parkett des internationalen Kunstmarkts bewegen.

Das Geschehen wirft zahlreiche Fragen auf: Ist der Kunstmarkt vollkommen aus den Fugen geraten? Welche Bewandtnis hat es mit dem Bild? Warum wurde es gerade jetzt in einer Auktion angeboten? Selbstverständlich rätseln Experten darüber, wer nach dem Bietergefecht das Bild nun erworben hat. Ein chinesischer Parvenue, eine arabische Sheika, ein russischer Oligarch oder doch eine der alteingesessenen Milliardärsfamilien aus Europa oder den USA? Ein Versuch, etwas Ordnung in das Kunstchaos zu bringen.