• vom 21.11.2017, 22:03 Uhr

Kunst


Ausstellungskritik

Eine Stadt entsteht




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Von Edwin Baumgartner

  • Das Jüdische Museum zeigt Fotografien von Ze’ev Aleksandrowicz.





Diese Bilder sind grandios! Welch eine fulminante Entdeckung! Henri Cartier-Bresson lässt grüßen, und auch die Ästhetik der Neuen Sachlichkeit spielt eine gewichtige Rolle. Der Meisterfotograf indessen ist ein Unbekannter, seine fotografische Hinterlassenschaft ein Zufallsfund seiner Nachkommen. Das Jüdische Museum wartet im Extrazimmer mit einer kleinen Ausstellung auf, die eine große Sensation ist.

Ze’ev Aleksandrowicz, 1905 in Krakau geboren, 1992 in Tel Aviv gestorben, hatte zwei Leidenschaften: die Fotografie und den Zionismus. Die zweite befriedigte er, indem er 1936 nach Tel Aviv umzog. Dank der ersten haben wir eine wunderbare Dokumentation vom Werden dieser ersten modernen jüdischen Stadt, die seit 1909 als Gartenvorstadt der alten Hafenstadt Jaffa zu wachsen begann, bis sie schließlich Jaffa eingemeindete.


Welch seltsamer Fall: 1936 heiratet Aleksandrowicz eine Frau aus einer alten jüdischen Familie - und hört von einem Tag auf den anderen mit dem Fotografieren auf. Er verstaut die rund 15.000 Negative in einem alten Koffer und spricht nie wieder über diesen Teil seines Lebens. Bis heute kennt niemand den Grund dafür. Erst 2003 entdecken Aleksandrowicz’ Nachkommen den Koffer und seinen Inhalt von unschätzbarem dokumentarischem und, es sei deutlich hervorgehoben, künstlerischen Wert in einem Regal. Durch gute Beziehungen der Familie zu Wien, wo Ze’ev Aleksandrowicz studiert hatte und Mitglied der schlagenden jüdischen Studentenverbindung Emunah gewesen war, und wo auch ein Nachkomme Aleksandrowicz’ studiert hat, reifte die Idee, eine Ausstellung der Fotos im Wiener Jüdischen Museum zu organisieren.

Dokumentation und Kunstwerk



Das Ergebnis ist trotz des kleinen Raums überwältigend. Kuratorin Andrea Winklbauer hat 24 Fotos ausgesucht, die real gezeigt werden. 80 weitere werden an die Decke projiziert - der Genickstarre wirkt die Gestaltung von Conny Cossa entgegen, der mit Liegestühlen Strandgefühle und zugleich Bequemlichkeit für den Betrachter inszeniert.

Die Fotos nun sind Dokumentation und Kunstwerk. Aleksandrowicz bezeichnete sich selbst als "Amateurfotograf" und widerspricht dieser Selbsteinschätzung Bild für Bild. Da gibt es eines mit einem älteren Ehepaar. Die Frau hält einen kleinen Sonnenschirm über sich, im Hintergrund zieht eine Kamelkarawane an einem in Bau befindlichen Haus vorbei. Oder das mit den Kühen, die durch eine Straße getrieben werden, deren Häuser von Bauhaus und Art Déco künden. Dann wieder zieht eine Kamelkarawane am Strand dahin, im Hintergrund liegt ein Frachter auf Reede. Dann wieder steht eine westlich modisch gekleidete Frau in einem von arabischer Tradition beherrschten Straßenbild, im Hintergrund die Mahmoudia-Moschee von Jaffa: So zeigt Aleksandrowicz das Spannungsverhältnis zwischen dem Alten und dem Neuen, zwischen orientalischer Tradition und modernem westlichen Denken - aber es ist ein Spannungsverhältnis auf der Basis einer Grundharmonie. Man spürt in diesen Bildern die Aufbruchsstimmung. Aleksandrowicz nimmt nicht Partei, er lässt die Bilder sprechen oder vielleicht auch den Betrachter in Dialog mit den Bildern treten. Aleksandrowicz sucht nicht seine Motive, vielmehr finden seine Motive ihn.

So erklärt es sich auch, dass er mit der Kamera ganz nahe an Menschen herangeht und sie in Szene setzt, als würde der Betrachter selbst guten Bekannten oder alten Freunden eben begegnen: Das schöne Gesicht einer jungen Frau, erstaunt, möglicherweise verschlafen, eine strahlende Beduinin mit reichem Schmuck, ein Paar in Tel Aviv, die Frau strahlend, der Mann verschmitzt lachend. Dadurch gelingt Aleksandrowicz das Kunststück eines Brückenschlags über mehr als 80 Jahre hinweg. Am schönsten vielleicht (im reichhaltigen Katalog): das gegen einen Stützpfeiler des Casinos brandende Meer. Man könnte es als Synonym sehen für eine junge Nation, die allen Widrigkeiten trotzt.

ausstellung

Israel before Israel - Fotografien von Ze’ev Aleksandrowicz 1932-1936

Andrea Winklbauer (Kuratorin)

Jüdisches Museum (Dorotheergasse)

Bis 1. April 2018




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Dokument erstellt am 2017-11-21 22:08:11


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