Der diesjährige Preis der Kunsthalle Wien geht - wie seit 15 Jahren - an zwei Studentinnen, die an der Akademie der bildenden Künste und an der Angewandten heuer diplomierten und von einer Jury in mehrstufigem Verfahren ausgewählt wurden.

Die Rektorin der Akademie, Eva Blimlinger, hält den Zeitpunkt für die Studierenden als "zentralen Moment" und ihr Kollege von der Angewandten, Gerald Bast, strapaziert den von ihm ungeliebten Begriff "Ökonomie der Aufmerksamkeit", die zum Zeitpunkt des Studienabgangs notwendig ist.

Alle Beteiligten bedauern, dass es in Wien nicht mehr Institutionen gibt, die wie die Kunsthalle für die anderen Diplomanden ähnliche Startstrategien ermöglichen. Diese bündeln eine erste Ausstellung im Glaskubus am Karlsplatz mit je einem Katalog und 3000 Euro Preisgeld, gesponsert von HS art service austria und Deco Trend GmbH.

Augenbetrug


Marlene Maier, die an der Akademie bei Constanze Ruhm im Fachbereich Kunst und digitale Medien abgeschlossen hat, und Olena Newkryta, die an der Angewandten bei Gabriele Rothemann im Fachbereich Fotografie diplomierte, stellen ihre Arbeiten zudem in gut funktionierendem Teamwork unter gemeinsamem Titel "Everything a Hand Can’t Take" aus.

Sie produzierten nicht nur das Plakat gemeinsam, beide widmen sich gesellschaftsrelevanten Themen und ihre Konzepte sind bei unterschiedlichen ästhetischen Sichtweisen in neuen Medien umgesetzt; daher harmonieren sie in der Präsentation mehr als die Installationen der Jahre davor. Es handelt sich um komplexe Dreikanal-Videoarbeiten, die auf schräg eingestellten (Maier) und eingehängten (Newkryta) Screens gezeigt werden, alle sechs wirken skulptural als den Raum strukturierende Objekte im nahezu komplett verdunkelten Glaskubus. Es geht um Bildgeschichten, die uns klarmachen wollen, dass die Wirklichkeit nicht so real ist, wie sie zu sein scheint.

Der neue Augenbetrug findet durch die Mechanismen des Internets statt. Maier hat sich in "Food only exists on pictures" mit den Schattenexistenzen in ausgelagerten Firmen und damit verbundenen Billigarbeitsplätzen befasst. Dabei zeigt sie das Verschwinden des Individuums in Anonymität mit dem Mittel der Unschärfe, scharf ist nur die entgleitende Kaffeetasse oder andere Details aus Archiv-Videomaterial. Dazu baut sie nach Fotografien eine inszenierte Erzählung, ein Skript konfrontiert uns zudem mit Sprache, die noch mehr auf jene undurchschaubare Verquickung unseres technisierten Alltags samt den auf uns wirkenden politischen und ökonomischen Interessen hinweist. Die drei Sichtweisen auf die Welt des Unsichtbaren sollen uns durch die blendende Helligkeit der Projektion im Dunklen auf das Entgleiten des Realen aufmerksam machen.

Newkryta lenkt unseren Blick in "folding unfolding refolding" auf Nähmaschinen, die weiße Stoffbahnen vernähen, was auch zu hören ist. Die Vermessung von Bildträger und Stoffbahn ist wie jene des Zeitablaufs streng getaktet, zum konkreten Konzept kommt die Theorie mit "Die Falte" nach Gilles Deleuze aus der Philosophie des Strukturalismus, wohl eine Anregung aus dem Studium. Motiv im Stoff und Metaphorik des Zwischenraums von Seele und Körper ist die Falte aber auch Teil der Jugenderinnerungen der Künstlerin an die nähende Mutter in der Ukraine, bevor die Familie nach Österreich übersiedelte. Dies unterstreichend, kommt zu dem Video der C-Print "to grasp. carnal thoughts", den sie mit Handscanner-Bild ihrer Bettdecke wie eine vielteilige Collage gestaltet hat.

Das beigelegte Künstlerbuch mit lichtempfindlichen Fotogrammen ist eine Draufgabe, die weniger Kombinierbarkeit suggeriert als die auch bei Maier vorkommende Wichtigkeit von Handgesten. Mit diesen eigentlich altakademischen Zeichen von Affekten heben die Preisträgerinnen das Kunst-Machen optimistisch über alle Immaterialität.

ausstellung

Marlene Maier &
Olena Newkryta

Lucas Gehrmann (Kurator)

Kunsthalle Karlsplatz

bis 14. Jänner