• vom 21.12.2017, 09:00 Uhr

Kunst


Ausstellung

Verschleiert emanzipiert




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Das Photoinstitut Bonartes präsentiert Werke der Industriefotografin Marianne Strobl um 1900.

Mann im Arbeiterbad Leopoldau, fotografiert von einer Frau, 1912. - © Wienbibliothek

Mann im Arbeiterbad Leopoldau, fotografiert von einer Frau, 1912. © Wienbibliothek

Obwohl sie ihre Fotos mit roter Lackfarbe signierte und ein eigenes Fotoatelier führte, das 1894 bis 1914 viele Aufträge von Firmen, Museen und der Stadt Wien bekam, gibt es zum Namen Marianne Strobl bis heute kein Selbstporträt. "Kunst und Industrie" war der moderne Slogan der aufsteigenden Metropole Wien um 1900, beide Begriffe vereinen sich im Medium Fotografie. Sogar im Museum, das diese Begriffe im Titel führte, dem heutigen MAK, bekam die Fotografin gut bezahlte Aufträge zur Dokumentation der Ausstellungsräume von Otto Prutscher oder der Glasmanufaktur Loetz. Auch andere Museen, Bibliotheken und Archive bereichern den Werkumfang der im Rahmen der Forschungen von Ulrike Matzner wiederentdeckten Wiener Fotografin, der nun eine erste Personale mit Katalog im Photoinstitut Bonartes gewidmet ist.

Matzner förderte zutage, dass sich Strobl in Fotomappen und auf Visitenkarten als "Industrie-Photograph" mit eigener "Kunst-Anstalt" im Wiener Prater, Halmgasse 3, bezeichnete. Sie kürzte ihrem Vornamen ab und kaschierte ab 1896 ihre weibliche Identität, da es ja damals schwer war, als Frau allein unterwegs zu sein, schon gar nicht in Industriebetrieben, Männerwohnheimen, am Semmering oder kletternd in den Ötscherhöhlen. Auch wenn sie ab 1905 der Genossenschaft der Photographen angehörte, war wahrscheinlich ihr Mann, Josef Strobl, bis 1924 Mitarbeiter im Unternehmen, das weiter bis 1937 im Branchenverzeichnis aufscheint. Nach 1918 sind aber bis heute keine Fotomappen oder Bildpostkarten mehr von ihr gefunden worden, es ist nicht einmal bekannt, wann sie verstarb.

Information

Ausstellung
Marianne Strobl "Industrie-Photograph"
Ulrike Matzner (Kuratorin)
Photoinstitut Bonartes
bis 26. Jänner

Selbstbewusst signierte Strobl eine Aufnahme des Ringstraßenbildhauers Carl Kundmann mit Schülerin in Posen neben ihren Werken 1896, sie beherrschte aber vor allem ihr Metier der Industrie- und Architekturfotografie mit Silbergelatine Trockenplatten. Perfekte Komposition und Perspektive bei enormer Tiefenschärfe weisen sie als Vorläuferin der "Neuen Sachlichkeit" aus.

Blitzlicht-Spezialistin

Von Nobelhotels wie dem Meißl & Schadn, Innenräumen am Semmering, über Kanal- und Eisenbahnbau in und um Wien, Sozialeinrichtungen wie Tröpferlbädern und Männerwohnheimen bis zu Gaswerken und einer Nervenklinik in Triest, hat Strobl als ausgewiesener "Specialist für Blitzlichtphotographie" vieles festgehalten, was auch im militärischen Umfeld und in der Wissenschaft - so die Erkundung der Ötscherhöhlen wegen geodätischer Messungen - von Interesse war.

Das Gaswerk Simmering hat sie mit erstaunlich früh eingesetzter kolorierter Glasnegativtechnik in Betrieb aufgenommen, die Belegschaft des Hotels Meißl & Schadn gab eine wertvoll gestaltete Fotomappe als Ehrengabe des Personals an die Chefetage 1895 in Auftrag. Frauenarbeit ist in der Textilfabrik Braun zu beobachten, so manche Aufträge unter Bürgermeister Karl Lueger zeigen auch kommunalpolitische Propaganda, die es 1901 in die "Österreichische Illustrierte Zeitung" schafften. Unsichtbare Kanäle wie jener im 3. Bezirk unter der Marxergasse werden in Ausführung durch die Baufirma Pittel & Brausewetter wieder sichtbar. Den ersten Auftrag erhielt Strobl 1895 für die Dokumentation von 95 Holzfuhrwerken für Armeeverpflegung und Rettungswesen von einem "Verein zur Verbreitung landwirthschaftlicher Kenntnisse", dem als Protektor Erzherzog Franz Ferdinand vorstand - der Albumumschlag mit Gold und lithografischen Kartons der Mappe wirken historistisch, ihre Serie modern.

Die Zukunft wird wohl noch weitere Industriearchitekturen von Marianne Strobl aus dem breiten sozialen Feld der Donaumetropole zutage fördern. Dass Frauen damals von der Fachausbildung als Fotografen ausgeschlossen waren, hinderte sie nicht, durch Amateurvereine gute Kenntnisse zu sammeln, seit etwa 1890 sprechen Strobls Signaturen, Stempel und Visitenkarten trotz Verbergen des Weiblichen für eine emanzipierte Künstlerin, die sich den damals existierenden Chancen der Industriefotografie mit hohem Qualitätsanspruch widmete.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-12-20 17:05:11
Letzte Änderung am 2017-12-20 18:02:24


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