David Bowie in Gugging mit Oswald Tschirtner. - © Christine de Grancy, Courtesy Galerie Crone, Berlin Wien
David Bowie in Gugging mit Oswald Tschirtner. - © Christine de Grancy, Courtesy Galerie Crone, Berlin Wien

Wien. Keine Pose, keine Verkleidung, kein Schutzschild: "Bowie hat an diesem Nachmittag den Blick auf sich selbst zugelassen und nicht den schillernden Pfau gezeigt." Dass sie dieser 8. September 1994 nach so vielen Jahren derart intensiv beschäftigen würde, ahnte Christine de Grancy damals nicht. Sie war der Einladung des befreundeten André Heller gefolgt, ihn bei einem Besuch in der Künstlerwerkstatt in Maria Gugging zu begleiten - gemeinsam mit Pop-Ikone David Bowie und Musikproduzent Brian Eno.

Ein hochkonzentrierter Bowie ist da zu sehen, der sich Notizen macht; einer, der wie ein Forscher danach trachtet, dieses fantastische Universum jenseits der Rationalität zu ergründen; der sonst so unnahbare Bowie, der milde lächelnd seinen Arm um Oswald Tschirtner legt. Es sind bescheidene Besucher, die Christine de Grancy auf ihren Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigt, keine Weltstars. Wissensdurstig, neugierig, seelenvoll und nachdenklich sieht dieser David Bowie aus. Auch von einer tiefen Traurigkeit beseelt - vielleicht um seinen zehn Jahre älteren schizophrenen Halbbruder, der sich 1985 das Leben genommen hat; vielleicht im Wissen um die Anziehungskraft dieses fremden Kontinents, dieser düsteren, rätselhaften Magie des Anders-Seins, die Bowies eigenes Werk durchzieht - auch das Album "Outside" von 1995, von dem Bowie später sagt, es sei "aus der Atmosphäre von Gugging entstanden".

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Vermessung vertraut-fremder Seelenlandschaften

Was Bowie und de Grancy in diesen Stunden verbindet, ist die Suche nach künstlerischer Relevanz, nach der stillen Authentizität des Augenblickes vielleicht. Eine kluge, sich "wie ein Chamäleon" verhaltende Geschichtenerzählerin mit einer Kamera und ein sichtlich berührter Mensch und Bruder, der voller Neugierde dem (eigenen) Anders-Sein auf der Spur ist. Die absolute Konzentration Bowies bei der Vermessung dieser vertraut-fremden Seelenlandschaften spiegeln die Bilder Christine de Grancys wider. Bowie selbst hat die Bilder nie gesehen, sie haben gut 20 Jahre im Archiv der Fotografin auf ihre (Wieder)Entdeckung gewartet. Nun sind sie erstmals ausgestellt und noch bis 17. Februar in der Galerie Crone in Wien zu sehen.

Das Fremde, das Andere ist ein roter Faden, der sich nicht nur durch Bowies, sondern auch durch das Leben von Christine de Grancy zieht. Geboren 1942 in Brünn, der Großvater mütterlicherseits unterstützt als Offizier das Hitler-Attentat vom 20. April 1944, der Vater fällt kurz vor Kriegsende. Als "Binnenflüchtling" kommt sie als Kind von Berlin nach Graz, die Sprache der Großmütter markieren diese beiden frühen Lebenspole - "das nasale Schönbrunnerisch und die Berliner Schnauze". Christine de Grancys Heranwachsen ist geprägt vom Fremd-Sein. Vom sich fremd fühlen in Graz mit einem alt-adeligen Namen und als Kind einer protestantischen Mutter, die in stillem Widerstreit stand mit dem Nachkriegs-Nazi-Klima.